Viele Christen sind in Palästina nach dem Wahlsieg der
Hamas in Sorge - Andere sind zuversichtlich
Selbst im kleinen Taybeh - dem einzigen ausschließlich
christlichen Ort des Heiligen Landes - gingen Stimmen an
die Hamas, insgesamt 28. "Ich persönlich war schockiert,
warum ein Christ für eine fundamentale islamische
Position stimmen würde", kommentiert die
griechischstämmige Journalistin Maria Khoury, die in
Taybeh wohnt, den Wahlausgang. "Aber es war die einzige
Rache, die den Menschen möglich war, um diese Botschaft
an die Fatah zu schicken: Dass die Menschen die Nase
voll haben und dass die Fatah ohne strategischen Plan
und ohne eine Zukunftsvision einfach gescheitert ist.
" Die Christen und Hamas - jedenfalls steht fest, dass
sechs der sieben in den Autonomierat gewählten Christen
auf der Fatah - Liste standen. "Der christliche Kandidat
aus Gaza hat sein Mandat gewonnen, weil er von Hamas
Rückendeckung bekam", versichert Hanna Siniora
demgegenüber. Siniora, selbst Christ und als Kandidat in
Ost- Jerusalem gescheitert, bekennt, dass seine Frau die
Hamas gewählt habe. "Weil sie genug hatte von Fatah."
Viele Christen - insgesamt machen sie nicht einmal zwei
Prozent der Gesamtbevölkerung in den
Palästinensergebieten aus - scheinen noch nicht so recht
zu wissen, was sie vom Sieg der Hamas bei den jüngsten
Wahlen halten sollen.
Als der Leiter der Wahlkommission, der Christ Hanna
Nasser, im Fernsehen die Stimmenverteilung der einzelnen
palästinensischen Städte bekannt gab, schüttelte Jiries,
ein griechisch- orthodoxer Christ den Kopf. Der Manager
eines christlichen Gästehauses in Jerusalem befürchtet
die Einführung der Zwangsverschleierung für alle Frauen,
auch Christinnen, und ein strenges Alkoholverbot. Im
Zuge dieser und anderer Maßnahmen hin zu einem "islamischen
Staat" rechnet er mit einer noch einmal zunehmenden
Auswanderung der palästinensischen Christen. Der neu
gewählte Koadjutor-Bischof der anglikanischen Diözese
von Jerusalem, Suheil Dawanim, will hingegen erst einmal
abwarten. "Vielleicht hat Hamas ja ein besseres Programm
als die Fatah, wer weiß?" Der aus Nablus stammende
Geistliche meint, man solle nicht gegen die Hamas sein.
Er betont, dass man keine Einmischung und keinen Druck
"von außen" wünsche, aber auch, wie wichtig die
christliche Präsenz im Heiligen Land sei. "Momentan gibt
es keinen Friedensprozess. Aber wir wollen, dass die
Verhandlungen weitergeführt werden", betont er. Der für
die anglikanischen Christen im Libanon, in Syrien und
Jordanien sowie in Israel und den palästinensischen
Gebieten bald zuständige Bischof spricht sich deutlich
für "Gewaltlosigkeit und Frieden" aus. Gewaltlosigkeit -
dazu hat sich die Hamas bisher nicht bekannt, auch wenn
momentan aus Hamas- Kreisen immer wieder etwas von einem
zehnjährigen Waffenstillstand mit Israel zu hören ist.
Nora Kort, die Länderbeauftragte des "Internationalen
Christlich-Orthodoxen Wohlfahrtsverbandes" mit Sitz in
Jerusalem, ist zuversichtlich. Sie glaubt, dass das "Leben
für die Christen weiterhin möglich ist, sollte Hamas
eine politische Partei werden und ihre religiöse
Identität aufgeben". Ansonsten würde es "extrem schwer,
mit religiösen Fanatikern zusammenleben". Die
Jerusalemer Christin schätzt Hamas jedoch "nicht so naiv"
ein. Sie ist sicher, dass es "gut gebildete, analytisch
denkende Leute" bei Hamas gibt. Außerdem brauche sie die
christliche Präsenz im Heiligen Land. Von ihren
Mitchristen fordert sie, sich diesbezüglich zu
artikulieren. Hanna Siniora prophezeit sogar, dass Hamas
sich "prominente unabhängige Köpfe" in die Regierung
holen werde, "um sich selbst akzeptabler gegenüber der
internationalen Gemeinschaft" zu machen.
Hamas bedeutet "Islamische Widerstandsbewegung". Wie
unter einem "Mikroskop" werde sie momentan beäugt,
stellt Nora Kort fest. Sollte Hamas einen Fehler machen,
werde Israel die Oberhand gewinnen. Und das würde die
Beibehaltung der momentanen Sackgassenlage und eine "internationale
Akzeptanz der andauernden Besatzung palästinensischen
Landes" zur Folge haben. Ähnlich sieht das auch Ramzi
Zananiri, der Direktor des "Internationalen Christlichen
Kommittees" im Nahostkirchenrat. Für ihn hat zudem die "bedingungslose
Unterstützung Israels seitens der Vereinigten Staaten"
ebenfalls zur "Radikalisierung" beigetragen. Den
Christen aus Jerusalem hat daher das Wahlergebnis in
keinster Weise überrascht. In Taybeh mit seinen 28
Stimmen für die Hamas gibt es die einzige
palästinensische Brauerei. Wird ihr die Hamas den
Zapfhahn zudrehen? Die Zukunft wird zeigen, welche
Folgen der Wahlsieg der Hamas für die Christen in
Palästina haben wird.