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Erfahrungen im Friedensbegleitprogramm des ÖRK

By Dieter Ziebarth

July 18, 2005

Ich möchte mit zwei kleinen, ganz unspektakulären Erlebnissen beginnen, die ganz am Anfang meines von September bis Dezember 2004 dauernden Einsatzes im Großraum Bethlehem im Rahmen des Begleitprogramms des Ökomenischen Rates der Kirchen (ÖRK) für Israel und Palästina standen. Es war an einem Sonntag im September. Ich hatte den Gottesdienst in der lutherischen Erlöserkirche in der Altstadt von Jerusalem besucht. Im Anschluss wurde zu einem christlich-jüdischen Gespräch in der Tradition der jüdischen Lehrgespräche eingeladen. Die Akteure waren der evangelische Probst und der Oberrabbiner Mordechai Piron. Er begrüßte uns im Rabbinatsgebäude mit den Worten: „Willkommen im Heiligen Land, das in diesen Tagen gar nicht heilig ist.“ Und dann fügte er hinzu: „Nach jüdischem Verständnis ist dieses Land nicht als solches heilig. Es wird heilig durch die, die sich in diesem Land heilig verhalten oder eben nicht!“ Es hätte keine bessere Einführung in dieses Land geben können, das uns für drei Monate beherbergen sollte. Der Mythos vom Heiligen Land gleich am Anfang entzaubert und auf das Grundproblem zugespitzt: das Verhalten derer, die im Heiligen Land miteinander leben sollen und die sich damit so unendlich schwer tun. Unheilige Szenen im Heiligen Land sollten uns hinfort begleiten.
Einige Wochen später. Ich sitze in einem kleinen Park unweit meiner Wohnung im Westen von Bethlehem. Er ist ein Geschenk der Franziskaner an die Community von Bethlehem, eine kleine Oase mit leuchtendem Grün und vielen Blumen inmitten der kargen Sand- und Steinlandschaft mit Blick auf die Hirtenfelder. Es ist am späten Nachmittag in der Zeit des Ramadan. Ich sitze eine kurze Zeit auf dem Rasen, da nähert sich eine Gruppe kleiner Jungen. Sie haben den Fremden schnell entdeckt und umringen mich. Wir nennen einander die Namen und machen uns etwas mühsam miteinander bekannt. Plötzlich zerreißt ein scharfer Böllerschuss die Luft. Wir alle erschrecken uns. Ein kleiner Junge aber, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, kauert sich zu Boden, umklammert meine Beine und schaut mich mit erschrockenen Augen an. Er klammert sich an mich, und ich habe Mühe, ihn zu beruhigen. Später erfahre ich, dass es etwas ganz Normales war: ein Böllerschuss kündigte das Fastenbrechen an. Der Junge hatte ihn für einen Schuss gehalten und es wird nicht der erste gewesen sein, den er gehört hatte. Zum ersten Mal spürte ich unmittelbar, was die anhaltende Gewalt in den Gemütern von Kindern bereits angerichtet hat. 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen seien bereits traumatisiert, hörte ich später im „Conflict Resolution Center“ in B. und dies bilde ein großes kaum handelbares Problem. Dieses kleine Erlebnis wird mich begleiten bei Gesprächen in Schulen oder in der Universität oder bei Besuchen in Familien. Überall begegnet mir dieses Phänomen der traumatisierten Gewalt. Das kleine Erlebnis wird symptomatisch für den Alltag zweier Völker, deren Leben von der alltäglichen Gewalt gezeichnet ist, die ihrer mehr als überdrüssig sind und doch keine Wege aus ihr heraus finden.

In diese Situation hinein, erfüllt von alltäglicher Gewalt, wachsendem Hass auf beiden Seiten, der inzwischen zur Sprachlosigkeit zwischen den Beteiligten geführt hat, hinein in die lähmende Perspektivlosigkeit, die immer mehr Menschen ans Abwandern denken und die Zahl der christlichen Gemeindeglieder immer mehr schrumpfen lässt, führte uns das Begleitprogramm. Wir, das waren 27 Personen aus sieben Ländern im neunten Durchgang des Programms. Wir, das sind Frauen und Männer unterschiedlichen Alters aus Nord- und Mitteleuropa, aus den USA und Südafrika. Und unter ihnen ich als einziger Teilnehmer aus Deutschland, einem Land, das in besonderer Weise in diesen Konflikt verwoben ist. „Accompaniment“, „Begleitung“, das war das Stichwort, das mich zur Teilnahme motivierte. Also nicht Entwicklungshelfer, auch nicht unbeteiligter Beobachter und schon gar nicht Besserwisser oder Mahner, sondern ganz schlicht und einfach Begleiter sein, sich dem Leben in dieser krisenreichen Region auszusetzen, ohne aus ihr zu stammen, das tägliche Leben mitzuerleben, täglich die Freundlichkeit und Gastlichkeit von Menschen zu erleben, die sich über unsere Präsenz freuten, Zeit zu haben zum Gespräch, genau hinzuschauen und nachzufragen, einbezogen zu sein in das tägliche Leben, in der Teilnahme an einer Schulstunde oder in einer Vorlesung in der Universität oder auch teilzuhaben am täglichen Einerlei in einem Flüchtlingslager, Zeit zu haben für Gespräche mit den Menschen, mit ihnen zusammen am Checkpoint zu warten und das beklemmende Gefühl mit ihnen zu teilen, wenn man ihn passiert, tagelanges gemeinsames Ernten der Oliven im gespannten Warten, ob und wann das Militär oder Siedler kommen, mit den Menschen verbunden im ohnmächtigen Zorn angesichts der Ungerechtigkeiten, die mit dem Bau der „Hafrada“, der Trennungsmauer verbunden sind. Begleitung heißt aber auch intensive und freundschaftliche Gespräche mit israelischen Friedensgruppen und Initiativen der Zivilgesellschaft, oft bis tief in die Nacht hinein. Und es bedeutete auch die Einladung zur Sabbatfeier in einer orthodoxen Gemeinde mit anschließender Bewirtung in Familien und intensiven Gesprächen über unsere Erfahrungen und über dieses Programm. „Begleiter“, das hieß für mich mehr Fragender und Lernender und nicht Ratgeber zu sein. Das war es, was ich mir gewünscht hatte in diesem Programm als jemand, der schon seit Jahren Beziehungen speziell in diese Region gepflegt hatte, mit Unterstützung der Schularbeit, Organisierung von Jugendaustausch und Gemeindebesuchen und der dadurch auch schon Freunde und Bekannte in dieser Region hatte. Und ich konnte mich auch gut mit der weitergehenden Zielstellung des Programms identifizieren, zu einer Beendigung der Besatzung beizutragen, die beiden Völkern in allerdings unterschiedlicher Weise schweren Schaden zufügt.
Dass unser Einsatz etwas an der Situation oder auch nur an der Intensität des Konfliktes geändert hat, wäre vermessen zu sagen. Was sollen 27 Menschen an einer so festgefahrenen und aufgeheizten Situation verändern? Wir waren ja nicht als Mediatoren, sondern als Begleiter in Land gekommen, als Menschen, die nicht unmittelbar von diesem Konflikt betroffen waren, die nicht selbst Opfer oder Akteure dieses Konfliktes waren, und die keine Opfer zu beklagen hatten, die unvoreingenommen analysieren und reflektieren konnten. Und in diesem Sinne unparteiisch waren und auch ihr Gesicht zeigten, wenn sich die Spirale der Gewalt drehte und Menschenrechte und Menschenwürde missachtet wurden. Sicher, damit kann man die Welt nicht verändern, aber es gibt doch schon ein wenig Genugtuung, wenn infolge unseres Programms etwa in der Altstadt von Hebron die 800 SchülerInnen einer kommunalen Schule sich mit weniger Angst auf den Schulweg machten, weil MitarbeiterInnen dieses Programms Morgen für Morgen am Checkpoint präsent waren und sie auf ihrem wahrhaft steinigen Weg in die Schule begleiteten, oder wenn 250 BewohnerInnen des Dorfes Yanoun im Norden Palästinas, die vor dem Siedlerterror geflohen waren, wieder in ihr Dorf zurückkehrten, weil ein Team dieses Programms zusammen mit ihnen dort lebte und arbeitete. Auch hatten wir den Eindruck, dass uns zugehört wurde bei Präsentationen von Erfahrungen, etwa der friedlichen Revolution in der DDR oder von Erfahrungen bei der Überwindung des Apartheidregimes in Südafrika. Es war auch unser Eindruck, dass es nicht wichtig war, das wir Kirchen, einzelne Gemeinden, Initiativen, NGO’s, Schulen, Universitäten oder Flüchtlingslager besuchten. Niemand erwartete irgendwelche Wunder von uns, aber es wurde dankbar registriert, dass sie nicht vergessen waren und ihre Arbeit wahrgenommen wurde. Denselben Eindruck hatten wir auch von unseren Kontakten zu unseren israelischen Gesprächspartnern, deren wichtiges Engagement in Fragen von Frieden und Gerechtigkeit dadurch auch über ihre Gesellschaft hinaus wahrgenommen und durch uns wiederum ins Gespräch mit Palästinensern gebracht wurde.
Wie es immer in solch einem Kommunikationszusammenhang ist, werden die BegleiterInnen reicher beschenkt als die Begleiteten durch sie. Was ich mitnahm, sind authentische und unauslöschliche Eindrücke darüber, was das Leben unter der Besatzung den Menschen auferlegt: von einem sich anbahnenden ökonomischen Desaster über die Verwundungen an den Seelen und die Traumatisierung eines ganzen Volkes, über den Verlust von Hoffnungen und Perspektiven, über die Verminderung der Qualität eines Lebens, das nur noch von heute auf morgen und von der Hand in den Mund geführt wird, vom Umgang mit Erfahrungen von Willkür und Ungerechtigkeit.
Ich war erschüttert über das Ausmaß an Frustration und Hoffnungslosigkeit, über Vertrauensverlust und Defätismus in beiden Gesellschaften. Nicht nur der Terrorismus, sondern auch der Stillstand der Politik und die Radikalisierung der innenpolitischen Spannungen in beiden Gesellschaften, vor allem aber die Politik Israels, einseitig „facts on the ground“ zu schaffen in der Siedlungspolitik und im Verlauf der Trennungsmauer, erhöhen die Gewaltbereitschaft. Das EAPPI-Programm weiß sich nicht nur den Menschenrechten, sondern auch der Gewaltlosigkeit verpflichtet, und es tut gut daran. Ich fand aber in vielen Gesprächen, dass die Idee und die Strategie der Gewaltlosigkeit z.Zt. nur wenige überzeugt. Viele Gespräche und öffentliche Präsentationen gerieten an dieser Stelle in die Krise.
Was mich hingegen immer wieder faszinierte, war das Erleben, dass sich trotz der schwierigen Verhältnisse ein starker Durchhalte- und Überlebenswille entfaltet, dass den vielfachen Schwierigkeiten Lebenswille, Tatendrang und Phantasie entgegengestellt wird in der gegenseitigen Hilfe, im Entwickeln von sozialen Projekten, von Forschungs-, Beratungs- und Rehabilitationseinrichtungen. Beeindruckend sind auch die Baumpflanz- und anderen Solidaritätsaktionen, die helfen sollen, an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und auf einen lebensfähigen palästinensischen Staat festzuhalten. Ebenso wie den Regen braucht dieses Land solche Zeichen und Taten der Hoffnung und Menschen, die sich konsequent und mit gewaltlosen Mitteln dafür einsetzen. Die beiden Völker dabei zu begleiten und zu unterstützen, darüber zu berichten und dafür zu werben, das kann dieses EAPPI-Programm leisten, und deshalb habe ich mich dabei auch gut und mit mir identisch gefühlt.


Wenn ich nun abschließend in mich hineinhorche und mich frage, was das Programm mit mir selbst gemacht hat, so wird mir Folgendes wichtig:


1. Meine schon mitgebrachte Überzeugung hat sich verstärkt, dass die beiden im Heiligen Land wohnenden Völker auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind. Das Wohl des einen Volkes konstituiert auch das Wohl des anderen und umgekehrt führt das Verderben des einen Volkes auch das des anderen herbei. Zur Zeit bewahrheitet sich das Letztgenannte, ich möchte aber die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch die Wahrheit des ersten Teils des Satzes erfahrbar wird.


2. Ich habe einen Zuwachs an Informationen und Erkenntnissen erhalten. Je stärker man die Komplexität dieses Konfliktes verstehen lernt, je stärker stellt man die mitgebrach- ten Deutungsmuster und -mythen in Frage. Das betrifft den Mythos eines a priori bestehenden Eigentumsrechts Israels an Palästina ebenso wie den Mythos von der bloßen Opferrolle der Palästinenser. Und es betrifft die anfänglich auch von mir akzeptierte Prämisse speziell als Deutscher sich zu diesem Konflikt nicht zu äußern oder die israelische Sicht dieses Konfliktes zu übernehmen. All diese mitgebrachten Deutungsmythen sind selbst Teil des Konfliktes und tragen zu seiner Verfestigung bei. Es kommt aber darauf an, sich jenseits dieser Muster neu zu verständigen und dabei stärker als die belastende Vergangenheit die Zukunft ins Visier zu nehmen.


3. In mir ist die Überzeugung gewachsen, dass heute das Hauptproblem des Konfliktes die fortdauernde und völkerrechtswidrige Besatzung ist. Ich habe in ihr hässliches Gesicht geschaut und die zermürbende Kraft empfunden, die sie für beide Seiten des Konfliktes hat. Ich hatte selbst Mühe, mich der lähmenden Frustration zu entziehen und nicht zynisch zu werden. Ich habe aber auch in Israel gehört, für wie schädlich man die Besatzerrolle für die eigene Gesellschaft empfindet. Ich fand mich daher gut aufgehoben in der Zielstellung des Programms, zur Beendigung der Besatzung beizutragen.


4. Gerade durch dieses Erleben ist mir dieses Land und sind mir seine Menschen noch mehr ans Herz gewachsen. Ich habe als Verpflichtung – von den Menschen dort selbst – mitgenommen, über das Gehörte und Gesehene zu berichten, das Gespräch in unseren Gemeinden und in unserem Land aufrecht offen zu halten. Und ich halte es für ein gutes Zeichen, dass ich relativ oft zu Veranstaltungen eingeladen werde. Ich nehme diese Rolle und diese Verpflichtung gern an.


5. Nach Wiederaufnahme meiner Arbeit in der Berliner Abschiebehaft nehme ich mit noch mehr Entsetzen als zuvor den rigorosen Umgang deutscher Behörden mit palästinensischen Flüchtlingen wahr. Sie mit größerer Kompetenz unterstützen zu können ist auch ein Resultat meiner Arbeit beim ÖRK.

(Beitrag zur Tagung „Identität in Israel und Palästina“ Evangelische Akademie Bad Boll, 24.-26. Juni 2005) Kontakt: Dieter Ziebarth, Grunewaldstraße 14, D-13597 Berlin, Tel.& Fax: 0049-30-35105015)

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