Ich möchte mit zwei kleinen, ganz
unspektakulären Erlebnissen beginnen, die ganz am Anfang
meines von September bis Dezember 2004 dauernden Einsatzes im
Großraum Bethlehem im Rahmen des Begleitprogramms des
Ökomenischen Rates der Kirchen (ÖRK) für Israel und Palästina
standen. Es war an einem Sonntag im September. Ich hatte den
Gottesdienst in der lutherischen Erlöserkirche in der Altstadt
von Jerusalem besucht. Im Anschluss wurde zu einem
christlich-jüdischen Gespräch in der Tradition der jüdischen
Lehrgespräche eingeladen. Die Akteure waren der evangelische
Probst und der Oberrabbiner Mordechai Piron. Er begrüßte uns
im Rabbinatsgebäude mit den Worten: „Willkommen im Heiligen
Land, das in diesen Tagen gar nicht heilig ist.“ Und dann
fügte er hinzu: „Nach jüdischem Verständnis ist dieses Land
nicht als solches heilig. Es wird heilig durch die, die sich
in diesem Land heilig verhalten oder eben nicht!“ Es hätte
keine bessere Einführung in dieses Land geben können, das uns
für drei Monate beherbergen sollte. Der Mythos vom Heiligen
Land gleich am Anfang entzaubert und auf das Grundproblem
zugespitzt: das Verhalten derer, die im Heiligen Land
miteinander leben sollen und die sich damit so unendlich
schwer tun. Unheilige Szenen im Heiligen Land sollten uns
hinfort begleiten.
Einige Wochen später. Ich sitze in einem kleinen Park unweit
meiner Wohnung im Westen von Bethlehem. Er ist ein Geschenk
der Franziskaner an die Community von Bethlehem, eine kleine
Oase mit leuchtendem Grün und vielen Blumen inmitten der
kargen Sand- und Steinlandschaft mit Blick auf die
Hirtenfelder. Es ist am späten Nachmittag in der Zeit des
Ramadan. Ich sitze eine kurze Zeit auf dem Rasen, da nähert
sich eine Gruppe kleiner Jungen. Sie haben den Fremden schnell
entdeckt und umringen mich. Wir nennen einander die Namen und
machen uns etwas mühsam miteinander bekannt. Plötzlich
zerreißt ein scharfer Böllerschuss die Luft. Wir alle
erschrecken uns. Ein kleiner Junge aber, vielleicht sieben
oder acht Jahre alt, kauert sich zu Boden, umklammert meine
Beine und schaut mich mit erschrockenen Augen an. Er klammert
sich an mich, und ich habe Mühe, ihn zu beruhigen. Später
erfahre ich, dass es etwas ganz Normales war: ein Böllerschuss
kündigte das Fastenbrechen an. Der Junge hatte ihn für einen
Schuss gehalten und es wird nicht der erste gewesen sein, den
er gehört hatte. Zum ersten Mal spürte ich unmittelbar, was
die anhaltende Gewalt in den Gemütern von Kindern bereits
angerichtet hat. 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen seien
bereits traumatisiert, hörte ich später im „Conflict
Resolution Center“ in B. und dies bilde ein großes kaum
handelbares Problem. Dieses kleine Erlebnis wird mich
begleiten bei Gesprächen in Schulen oder in der Universität
oder bei Besuchen in Familien. Überall begegnet mir dieses
Phänomen der traumatisierten Gewalt. Das kleine Erlebnis wird
symptomatisch für den Alltag zweier Völker, deren Leben von
der alltäglichen Gewalt gezeichnet ist, die ihrer mehr als
überdrüssig sind und doch keine Wege aus ihr heraus finden.
In diese Situation hinein, erfüllt von alltäglicher Gewalt,
wachsendem Hass auf beiden Seiten, der inzwischen zur
Sprachlosigkeit zwischen den Beteiligten geführt hat, hinein
in die lähmende Perspektivlosigkeit, die immer mehr Menschen
ans Abwandern denken und die Zahl der christlichen
Gemeindeglieder immer mehr schrumpfen lässt, führte uns das
Begleitprogramm. Wir, das waren 27 Personen aus sieben Ländern
im neunten Durchgang des Programms. Wir, das sind Frauen und
Männer unterschiedlichen Alters aus Nord- und Mitteleuropa,
aus den USA und Südafrika. Und unter ihnen ich als einziger
Teilnehmer aus Deutschland, einem Land, das in besonderer
Weise in diesen Konflikt verwoben ist. „Accompaniment“, „Begleitung“,
das war das Stichwort, das mich zur Teilnahme motivierte. Also
nicht Entwicklungshelfer, auch nicht unbeteiligter Beobachter
und schon gar nicht Besserwisser oder Mahner, sondern ganz
schlicht und einfach Begleiter sein, sich dem Leben in dieser
krisenreichen Region auszusetzen, ohne aus ihr zu stammen, das
tägliche Leben mitzuerleben, täglich die Freundlichkeit und
Gastlichkeit von Menschen zu erleben, die sich über unsere
Präsenz freuten, Zeit zu haben zum Gespräch, genau
hinzuschauen und nachzufragen, einbezogen zu sein in das
tägliche Leben, in der Teilnahme an einer Schulstunde oder in
einer Vorlesung in der Universität oder auch teilzuhaben am
täglichen Einerlei in einem Flüchtlingslager, Zeit zu haben
für Gespräche mit den Menschen, mit ihnen zusammen am
Checkpoint zu warten und das beklemmende Gefühl mit ihnen zu
teilen, wenn man ihn passiert, tagelanges gemeinsames Ernten
der Oliven im gespannten Warten, ob und wann das Militär oder
Siedler kommen, mit den Menschen verbunden im ohnmächtigen
Zorn angesichts der Ungerechtigkeiten, die mit dem Bau der „Hafrada“,
der Trennungsmauer verbunden sind. Begleitung heißt aber auch
intensive und freundschaftliche Gespräche mit israelischen
Friedensgruppen und Initiativen der Zivilgesellschaft, oft bis
tief in die Nacht hinein. Und es bedeutete auch die Einladung
zur Sabbatfeier in einer orthodoxen Gemeinde mit
anschließender Bewirtung in Familien und intensiven Gesprächen
über unsere Erfahrungen und über dieses Programm. „Begleiter“,
das hieß für mich mehr Fragender und Lernender und nicht
Ratgeber zu sein. Das war es, was ich mir gewünscht hatte in
diesem Programm als jemand, der schon seit Jahren Beziehungen
speziell in diese Region gepflegt hatte, mit Unterstützung der
Schularbeit, Organisierung von Jugendaustausch und
Gemeindebesuchen und der dadurch auch schon Freunde und
Bekannte in dieser Region hatte. Und ich konnte mich auch gut
mit der weitergehenden Zielstellung des Programms
identifizieren, zu einer Beendigung der Besatzung beizutragen,
die beiden Völkern in allerdings unterschiedlicher Weise
schweren Schaden zufügt.
Dass unser Einsatz etwas an der Situation oder auch nur an der
Intensität des Konfliktes geändert hat, wäre vermessen zu
sagen. Was sollen 27 Menschen an einer so festgefahrenen und
aufgeheizten Situation verändern? Wir waren ja nicht als
Mediatoren, sondern als Begleiter in Land gekommen, als
Menschen, die nicht unmittelbar von diesem Konflikt betroffen
waren, die nicht selbst Opfer oder Akteure dieses Konfliktes
waren, und die keine Opfer zu beklagen hatten, die
unvoreingenommen analysieren und reflektieren konnten. Und in
diesem Sinne unparteiisch waren und auch ihr Gesicht zeigten,
wenn sich die Spirale der Gewalt drehte und Menschenrechte und
Menschenwürde missachtet wurden. Sicher, damit kann man die
Welt nicht verändern, aber es gibt doch schon ein wenig
Genugtuung, wenn infolge unseres Programms etwa in der
Altstadt von Hebron die 800 SchülerInnen einer kommunalen
Schule sich mit weniger Angst auf den Schulweg machten, weil
MitarbeiterInnen dieses Programms Morgen für Morgen am
Checkpoint präsent waren und sie auf ihrem wahrhaft steinigen
Weg in die Schule begleiteten, oder wenn 250 BewohnerInnen des
Dorfes Yanoun im Norden Palästinas, die vor dem Siedlerterror
geflohen waren, wieder in ihr Dorf zurückkehrten, weil ein
Team dieses Programms zusammen mit ihnen dort lebte und
arbeitete. Auch hatten wir den Eindruck, dass uns zugehört
wurde bei Präsentationen von Erfahrungen, etwa der friedlichen
Revolution in der DDR oder von Erfahrungen bei der Überwindung
des Apartheidregimes in Südafrika. Es war auch unser Eindruck,
dass es nicht wichtig war, das wir Kirchen, einzelne Gemeinden,
Initiativen, NGO’s, Schulen, Universitäten oder
Flüchtlingslager besuchten. Niemand erwartete irgendwelche
Wunder von uns, aber es wurde dankbar registriert, dass sie
nicht vergessen waren und ihre Arbeit wahrgenommen wurde.
Denselben Eindruck hatten wir auch von unseren Kontakten zu
unseren israelischen Gesprächspartnern, deren wichtiges
Engagement in Fragen von Frieden und Gerechtigkeit dadurch
auch über ihre Gesellschaft hinaus wahrgenommen und durch uns
wiederum ins Gespräch mit Palästinensern gebracht wurde.
Wie es immer in solch einem Kommunikationszusammenhang ist,
werden die BegleiterInnen reicher beschenkt als die
Begleiteten durch sie. Was ich mitnahm, sind authentische und
unauslöschliche Eindrücke darüber, was das Leben unter der
Besatzung den Menschen auferlegt: von einem sich anbahnenden
ökonomischen Desaster über die Verwundungen an den Seelen und
die Traumatisierung eines ganzen Volkes, über den Verlust von
Hoffnungen und Perspektiven, über die Verminderung der
Qualität eines Lebens, das nur noch von heute auf morgen und
von der Hand in den Mund geführt wird, vom Umgang mit
Erfahrungen von Willkür und Ungerechtigkeit.
Ich war erschüttert über das Ausmaß an Frustration und
Hoffnungslosigkeit, über Vertrauensverlust und Defätismus in
beiden Gesellschaften. Nicht nur der Terrorismus, sondern auch
der Stillstand der Politik und die Radikalisierung der
innenpolitischen Spannungen in beiden Gesellschaften, vor
allem aber die Politik Israels, einseitig „facts on the
ground“ zu schaffen in der Siedlungspolitik und im Verlauf der
Trennungsmauer, erhöhen die Gewaltbereitschaft. Das
EAPPI-Programm weiß sich nicht nur den Menschenrechten,
sondern auch der Gewaltlosigkeit verpflichtet, und es tut gut
daran. Ich fand aber in vielen Gesprächen, dass die Idee und
die Strategie der Gewaltlosigkeit z.Zt. nur wenige überzeugt.
Viele Gespräche und öffentliche Präsentationen gerieten an
dieser Stelle in die Krise.
Was mich hingegen immer wieder faszinierte, war das Erleben,
dass sich trotz der schwierigen Verhältnisse ein starker
Durchhalte- und Überlebenswille entfaltet, dass den vielfachen
Schwierigkeiten Lebenswille, Tatendrang und Phantasie
entgegengestellt wird in der gegenseitigen Hilfe, im
Entwickeln von sozialen Projekten, von Forschungs-, Beratungs-
und Rehabilitationseinrichtungen. Beeindruckend sind auch die
Baumpflanz- und anderen Solidaritätsaktionen, die helfen
sollen, an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und auf einen
lebensfähigen palästinensischen Staat festzuhalten. Ebenso wie
den Regen braucht dieses Land solche Zeichen und Taten der
Hoffnung und Menschen, die sich konsequent und mit gewaltlosen
Mitteln dafür einsetzen. Die beiden Völker dabei zu begleiten
und zu unterstützen, darüber zu berichten und dafür zu werben,
das kann dieses EAPPI-Programm leisten, und deshalb habe ich
mich dabei auch gut und mit mir identisch gefühlt.
Wenn ich nun abschließend in mich hineinhorche und mich frage,
was das Programm mit mir selbst gemacht hat, so wird mir
Folgendes wichtig:
1. Meine schon mitgebrachte Überzeugung hat sich verstärkt,
dass die beiden im Heiligen Land wohnenden Völker auf Gedeih
und Verderb aufeinander angewiesen sind. Das Wohl des einen
Volkes konstituiert auch das Wohl des anderen und umgekehrt
führt das Verderben des einen Volkes auch das des anderen
herbei. Zur Zeit bewahrheitet sich das Letztgenannte, ich
möchte aber die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch die
Wahrheit des ersten Teils des Satzes erfahrbar wird.
2. Ich habe einen Zuwachs an Informationen und Erkenntnissen
erhalten. Je stärker man die Komplexität dieses Konfliktes
verstehen lernt, je stärker stellt man die mitgebrach- ten
Deutungsmuster und -mythen in Frage. Das betrifft den Mythos
eines a priori bestehenden Eigentumsrechts Israels an
Palästina ebenso wie den Mythos von der bloßen Opferrolle der
Palästinenser. Und es betrifft die anfänglich auch von mir
akzeptierte Prämisse speziell als Deutscher sich zu diesem
Konflikt nicht zu äußern oder die israelische Sicht dieses
Konfliktes zu übernehmen. All diese mitgebrachten
Deutungsmythen sind selbst Teil des Konfliktes und tragen zu
seiner Verfestigung bei. Es kommt aber darauf an, sich
jenseits dieser Muster neu zu verständigen und dabei stärker
als die belastende Vergangenheit die Zukunft ins Visier zu
nehmen.
3. In mir ist die Überzeugung gewachsen, dass heute das
Hauptproblem des Konfliktes die fortdauernde und
völkerrechtswidrige Besatzung ist. Ich habe in ihr hässliches
Gesicht geschaut und die zermürbende Kraft empfunden, die sie
für beide Seiten des Konfliktes hat. Ich hatte selbst Mühe,
mich der lähmenden Frustration zu entziehen und nicht zynisch
zu werden. Ich habe aber auch in Israel gehört, für wie
schädlich man die Besatzerrolle für die eigene Gesellschaft
empfindet. Ich fand mich daher gut aufgehoben in der
Zielstellung des Programms, zur Beendigung der Besatzung
beizutragen.
4. Gerade durch dieses Erleben ist mir dieses Land und sind
mir seine Menschen noch mehr ans Herz gewachsen. Ich habe als
Verpflichtung – von den Menschen dort selbst – mitgenommen,
über das Gehörte und Gesehene zu berichten, das Gespräch in
unseren Gemeinden und in unserem Land aufrecht offen zu halten.
Und ich halte es für ein gutes Zeichen, dass ich relativ oft
zu Veranstaltungen eingeladen werde. Ich nehme diese Rolle und
diese Verpflichtung gern an.
5. Nach Wiederaufnahme meiner Arbeit in der Berliner
Abschiebehaft nehme ich mit noch mehr Entsetzen als zuvor den
rigorosen Umgang deutscher Behörden mit palästinensischen
Flüchtlingen wahr. Sie mit größerer Kompetenz unterstützen zu
können ist auch ein Resultat meiner Arbeit beim ÖRK.
(Beitrag zur Tagung „Identität in Israel und Palästina“
Evangelische Akademie Bad Boll, 24.-26. Juni 2005) Kontakt:
Dieter Ziebarth, Grunewaldstraße 14, D-13597 Berlin, Tel.&
Fax: 0049-30-35105015)
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