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Im Dorf Bil'in kämpfen Israelis und
Palästinenser gemeinsam gegen die Sperranlage
VON CHARLOTTE MISSELWITZ (BIL'IN)
Immer mehr Hände greifen den 30 Meter
langen grün-weiß-schwarzen Stoffballen. Jung und Alt, Israelis und
Palästinenser heben ihn an und lassen ihn über dem Demonstrationszug
schweben. Die Vordersten rollen das rote Dreieck auf. Es ist die Flagge
Palästinas. Kinder springen unter das von der Sonne durchleuchtete
Farbendach. Ein junger Erwachsener läuft nebenher. Er schaut sich
suchend um. Sein Blick fällt auf eine Gruppe mit hebräischem Schild
mitten im Zug. Sie winken ihn heran. Er wirft wieder einen Blick auf den
Stoffballen. Zwei Sekunden zögert er. Dann geht er los, hin zu seinen
Leuten, direkt unter das palästinensische Banner.
Seit einem Jahr kommen meist junge Israelis jeden Freitag in die
Westbank, um gegen den Bau der Mauer im Dorf Bil'in zu demonstrieren.
Der vom israelischen Verteidigungsministerium markierte Mauerverlauf
bringt dessen Bewohner um
230 000 Hektar, mehr als die Hälfte ihres Landes. Die Trennlinie ist
schon planiert, den Drahtzaun bewachen israelische Soldaten. Aber es
geht um mehr als Landraub. Dan Tsahor aus Tel Aviv kommt so oft er kann,
weil hier Israelis und Palästinenser auf einer Ebene kämpfen. "Wir geben
hier nicht Almosen wie bisher. Es geht gegen die Mauer an sich, die
Trennung von Israelis und Palästinensern."
An der Moschee im Zentrum des 1700-Seelen-Dorfes treffen sich von den
Großeltern bis zu den Enkeln ganze Familien aus Bil'in. Die Frauen meist
mit Kopftüchern, die Männer in Lederjacken. Aus Tel Aviv Angereiste, wie
den 31-jährigen Dan, erkennt man an den Jeans, an Rucksack und Handy.
Einige gehören zur jüdisch-arabischen Gruppe "Taayush" (Koexistenz),
andere zur internationalen Solidaritätsbewegung (ISM). Auch ältere
Israelis halten Schilder hoch. Die Mitglieder von der
Friedensorganisation "Gush Shalom" waren schon in den 70er Jahren aktiv.
Dan, den viele wegen seinen blonden kurzen Haaren für einen "Internationalen"
halten, meint, 250 Teilnehmer seien es fast jede Woche.
Der Demonstrationszug schlängelt sich vorbei an Olivenhainen. Ziel ist
der helle Streifen, der die bergige Landschaft durchschneidet. Schon von
weitem sieht man, wie sich dort die Armeetruppen formieren. Von Beginn
an gilt für die Demonstrationen strikte Gewaltlosigkeit. Aber die
Friedfertigkeit fällt nicht immer leicht, meint Ronen Eidelmann.
Momentan sitzen acht Palästinenser aus Bil'in in israelischen
Gefängnissen - für Wochen, manchmal Monate. "Die Frage, ob man das
Steine-Schmeißen der Dorfjungs tolerieren soll, wird bis heute
diskutiert." Hauptorganisatoren des Protestzugs sind die "Anarchisten
gegen die Mauer" zusammen mit dem "Volkskomitee gegen die Mauer" aus
Bil'in. Sie bereiten die Begegnung mit den Grenzsoldaten vor.
Der 34-jährige Ronen erzählt, anfangs hätte die Armee sogar auf
Demonstranten geschossen. Dass Israelis auf Israelis schießen, hatte es
bis zu den Protesten gegen die Mauer nicht gegeben. Neuerdings setzt die
Armee Salz- und Gummigeschosse ein. Ronen weiß inzwischen, wie
schmerzhaft die sind. In einem Prozess im letzten Sommer kritisierte das
Gericht das "übertrieben scharfe Vorgehen" der Sicherheitskräfte. Ronens
blaue Kapuzenjacke hält nicht viel ab. Er ist Grafiker. Beim Armeedienst,
Anfang zwanzig war er damals, überkamen ihn das erste Mal Zweifel an der
israelischen Besatzung.
Am Mauerstreifen stehen die Soldaten in Reih und Glied. Über der grünen
Uniform tragen sie Panzerwesten und schwarze Schutzhelme. Hinter den
Plastikschildern sind Schlagstöcke und Gewehre zu sehen. Eine Gruppe
untergehakter Palästinenser und Israelis steht ihnen gegenüber und ruft:
"Baut Brücken, nicht Mauern!" Weiter oben leuchtet das schlohweiße Haar
von Uri Avnery, dem Gründer von Gush Shalom. Er und ein Dutzend andere
klopfen mit Steinen auf die Eisenabsperrung des Zauns. Das Hämmern wird
rhythmisch. Plötzlich landet mit dumpfem Aufprall ein Tränengasgeschoss.
Alles läuft auseinander.
Bloß weg. Im Trubel gelingt es Wadschi Bernad aus Bil'in einen Weg durch
die Maueröffnung zu bahnen. Er kurvt das Auto durch Betonpfosten und
Wegaushebungen. "Die Hundesöhne wollen uns damit das Durchfahren
erschweren." Den Dorfbewohnern muss der Zugang zu ihrem Land gewährt
sein, hat das Hohe Gericht in Jerusalem entschieden. Im September hatten
sie eine Klage wegen Landraub eingereicht. Jenseits der Sperranlage
zeigt Wadschi den Berghang runter. Sein Land. Ein paar der abgeholzten
Olivenbäume stammten aus römischen Zeiten. "Jedesmal, wenn ich das sehe,
krampft es mir das Herz zusammen." Der kurze Bart des 49-Jährigen ist
schon fast weiß. Insgesamt verlor der Vater von zehn Kindern 400 Hektar
Land. Er war Bauingenieur. Aber seine ganze Familie darf in Israel nicht
mehr arbeiten. Eine Sicherheitsmaßnahme. Verhängt vom Militär, seit
Wadschis Sohn auf einer Demonstration angeschossen wurde und im
Rollstuhl sitzt.
Wenig weiter breiten sich die Plattenbauten der jüdischen Siedlung
Matetiahu auf dem Land von Bil'in aus. Ende letzten Jahres kam raus,
dass die Firmen Green Park und Green Mount dort sogar nach israelischem
Gesetz illegal bauen. Die Kanadier besaßen nur die Erlaubnis der
regionalen israelischen Verwaltung. Die Dorfbewohner reagierten flink.
Wadschi erzählt: "Wir dachten, dann können wir genauso unseren
palästinensischen Regionalrat fragen." Ausgerechnet Heiligabend, am 24.
Dezember, schleusten sie mit israelischen Aktivisten einen Wohnwagen
durch die Absperrung des Mauerstreifens. "Als am nächsten Morgen die
Soldaten kamen, erklärten wir, El Al (israelische Fluggesellschaft)
hätte den hier fallen lassen."
Die Soldaten entfernten den Wohnwagen. Auf die Frage, warum die
Plattenbauten stehen bleiben durften, hieß es, drüben, das wären
richtige Häuser, da gelte ein anderes Gesetz. "Wir also nicht dumm,
suchen uns Baumaterial zusammen. Und ein paar Nächte später errichteten
wir bei Sturm und Regen ein Gebäude mit Grundmauern, Fenstern und Dach."
Der Außenposten. Ronen, der dabei war, grinst. Auf solche Art Fakten zu
schaffen, war bisher immer Methode der jüdischen Siedler gewesen. Seit
zwei Wochen steht 200 Meter weiter oben schon der zweite Außenposten.
Jetzt hat das Hohe Gericht über die jüdische und die palästinensische "Siedlung"
einen Baustopp verhängt.
150 000 Israelis sollen eines Tages in Matetiahu leben. Momentan wohnen
hier keine ideologischen Hardliner, sondern sozial Bedürftige zu
niedrigen Mietpreisen. Die kanadischen Firmen und "Chefziba", eine
israelisches Unternehmen, versuchen Land für die Zukunft zu sichern.
Laut Michal Sfard, Anwalt der Bewohner von Bil'in, geht es um "Milliarden
von Dollar". Demnächst steht eine Stellungnahme des israelischen
Verteidigungsministeriums zur Klage über den Landraub aus. Dann wird das
Hohe Gericht entscheiden, ob der Mauerverlauf versetzt wird oder nicht.
Mittlerweile ist es dunkel. Am Feuer des Außenpostens der Protestler
findet sich der palästinensische Aktivist Mansour Mansour mit ein paar
anderen ein. Die Demonstration ist vorbei, diesmal gab es keine
Festnahmen. Gerade bringen die Busse die israelischen Passagiere zum
familiären Schabbat-Dinner zurück. Es wird rumgewitzelt. Der 29-jährige
Mansour wird nur kurz ernst, wenn er erklären soll, warum er während all
der Jahre seines politischen Engagements nie an militante Methoden der
Hamas gedacht hat. "Gewaltloser Kampf ist der stärkste Kampf! Außerdem
will ich leben." Mansours Augen funkeln im Licht des Feuers. Er studiert
Journalismus an der Birzeit Universität.
Vom Berg gegenüber leuchten die Lichter der Siedlung "Matetiahu" gelb
herüber. Ein Jahr Kampf in Bil'in brachte zwar nicht den Fall der Mauer,
aber immerhin: den momentanen Stopp des Siedlungsbaus, den Durchgang
durch die Mauer und eine Öffentlichkeit für den Landraub. Vielleicht die
größte Errungenschaft ist das Miteinander der Israelis und Palästinenser.
Ein 19-jähriger Israeli ist das erste Mal da. Er meint, er hätte eine
Weile gebraucht, um sich nach Bil'in zu wagen. "Naja, es ist
palästinensisches Territorium, sie sind Araber…" Alle lachen. Die Mauern,
die über die Jahre in den Köpfen beider Völker entstanden sind, kennt
jeder nur zu gut.
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 03.03.2006 um 16:56:21 Uhr
Erscheinungsdatum 04.03.2006
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