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Nach einer dreiwöchigen Reise durch Israel und die palästinensischen
Gebiete scheint mir die Situation in der Region aussichtsloser denn je
zuvor. Ich bin in Israel aufgewachsen und bemühe mich seit vielen Jahren,
die Kontakte zu beiden Seiten aufrechtzuerhalten sowie Israelis zu
Gesprächen mit Palästinensern zu ermutigen. Jedes Mal, wenn ich nach Tel
Aviv und Jerusalem fahre, hoffe ich, dass Anzeichen der Entspannung –
von Frieden will ich nicht mehr reden – zu erkennen sind. Doch das
Gegenteil ist der Fall.
Ich sehe, dass viele Israelis am Ben-Gurion-Flughafen
mittlerweile auch Touristen feindselig und wie unerwünschte Personen
behandeln, ganz zu schweigen von den zahllosen Checkpoints, an denen
Palästinenser drangsaliert und gedemütigt werden. Anscheinend wissen die
Wachhabenden nicht, was sie tun. Und was tut Europa? Wir schauen
schweigend zu.
Während meiner jüngsten Reise habe ich in
Ost-Jerusalem gewohnt, wo einige wenige Soldaten gegenüber Tausenden
Palästinensern ihre Macht demonstrieren. Unter dem vermeintlichen Schutz
des Militärs strömen viele Israelis in die Altstadt und bewundern ihre
Schönheit: die verwinkelten Basarstraßen, die Cafés und Souvenirläden.
Ob sie davon überrascht sind, dass ihnen die Palästinenser statt mit dem
erwarteten Hass und mit Verachtung freundlich und hilfsbereit begegnen?
Ich habe mich wieder einmal gefragt, ob diese Besucher „ihre“ Stadt
tatsächlich kennen, die das israelische Parlament 1981 per Gesetz
zwangsweise vereint hat. Ohne dass ich eine Frage gestellt hätte, wurde
ich belehrt, dass dank der militärischen Präsenz und der „Trennungsmauern“
im Norden, Osten und Westen der „Friedensstadt“ keine Terrorakte zu
befürchten seien und die Menschen sich daher sicher fühlen könnten.
Auf meine Bemerkung hin, dass jeder
palästinensische Taxifahrer – wenn er wollte – mit seinem Jerusalem-Ausweis
nicht nur Passagiere, sondern auch Bomben in den Westen der Stadt, nach
Tel Aviv oder Haifa transportieren könnte, ernte ich Achselzucken.
Vergebliche Appelle
Ich fahre in das 20 Kilometer entfernte Ramallah – eine lebendige Stadt,
in der eine reiche Elite dank ausländischer Geldtransfers entstanden ist
(was indirekt dazu geführt hat, dass die Mehrheit enttäuscht und
frustriert ist und aus Protest gegen die Korruption „Hamas“ gewählt
hat). Ich bin in Bethlehem, einer von Mauern umzingelten Stadt, in der
die palästinensischen Familien auseinander gerissen und von ihren
Feldern getrennt sind. Ich bin in Hebron, einer Stadt, in der es 400
Siedler mit Hilfe des Militärs geschafft haben, dass viele Palästinenser
ihre Häuser und Geschäfte verloren haben, dass ganze Viertel verödet
sind. Internationale Beobachter haben nicht die Befugnis, für Recht und
Ordnung zu sorgen. Stattdessen fertigen sie Protokolle an, die in
westlichen Amtsstuben in den Schubladen verschwinden.
Was tun wir in Europa angesichts solch
unhaltbarer Zustände? Wir schauen zu und schweigen. Ich habe auch
während meines jüngsten Aufenthalts versucht, politische Besucher aus
Deutschland anzusprechen und an ihre Verantwortung zu appellieren. Doch
mehr als einmal bin ich belehrt worden: Das Protokoll lasse keine
offiziellen Besuche an der „Mauer“ zu, Treffen mit Palästinensern
dürften lediglich privaten Charakter haben: Man müsse dem möglichen
Vorwurf des Antisemitismus vorbeugen.
Doch mit dieser Spirale des Schweigens erreicht man das genaue Gegenteil.
Bei Unterhaltungen mit deutschen Freunden und Bekannten, am Arbeitsplatz
und bei zufälligen Begegnungen geschieht es, dass ich persönlich für die
israelische Politik gegenüber den Palästinensern haftbar gemacht werde.
Da die Regierungen in Berlin und in anderen Hauptstädten nicht den Mut
haben, die Dinge beim Namen zu nennen, nehmen andere das Heft der
öffentlichen Meinungsbildung in die Hand. Mittlerweile werden in
England, Schweden und Kanada die Aufrufe zum Boykott israelischer
Institutionen und Personengruppen immer lauter.
Mein Resümee: Nicht diejenigen, die
Israels Politik kritisieren, fördern den Antisemitismus, sondern
diejenigen, die schweigen und damit zulassen, dass das Bild vom
hässlichen Israeli und inzwischen auch vom hässlichen Juden überhand
nimmt. Bei einer Friedensdemonstration in Tel Aviv, die zur Aufhebung
des Boykotts gegen die „Hamas“-geführte Regierung und für die Freigabe
der europäischen Gelder an die Palästinenser aufruft, flehen einige
Teilnehmer mich an, mit darauf hinzuwirken, dass endlich deutsche und
europäische Politiker Druck auf die Politik Israels ausüben.
Als ich vor rund vierzig Jahren erstmals
nach Deutschland kam, hielt ich den Antisemitismus für überwunden. Meine
Großeltern sind in Auschwitz umgekommen, meine Eltern mussten als
Jugendliche Deutschland verlassen. Ich dachte damals, dass die Zeit
gekommen sei, in die Zukunft zu blicken. Heute bin ich nicht mehr sicher,
ob die Geschichte mich, meine eigenen Kinder oder spätestens meine
Enkelin einholen wird. Werden wir dann mit Fug und Recht behaupten, wir
hätten von nichts gewusst?
Dass viele Israelis nicht wissen, was in
ihrem Namen geschieht, halte ich für möglich, weil die Medien die
Palästinenser nur dann wahrnehmen, wenn es über Gewalttaten zu berichten
gilt. Und schließlich sorgen die „Trennungsmauern“ dafür, dass sie nicht
sehen, was hinter diesen Mauern geschieht. Die israelischen Behörden
verweigern ihren Staatsbürgern die Einreise in die palästinensischen
Gebiete, damit keine Zweifel aufkommen, ob das Handeln der Soldaten und
der Siedler tatsächlich etwas mit „Sicherheit“ zu tun hat. Aber wir? Wir
wissen – und machen uns mitschuldig, wenn wir unsere Stimme nicht
erheben.
Die Dolmetscherin Judith Bernstein wurde
1945 in Jerusalem als Tochter deutscher Emigranten geboren und lebt seit
1976 in München. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Historiker Reiner
Bernstein, engagiert sie sich für die israelisch-palästinensische „Genfer
Initiative“.
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