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Es gab eine Zeit, in der die Leute dachten, der
israelisch-palästinensische Konflikt gliche einem Hundertmeterlauf. Die
Teilnehmer benahmen sich entsprechend; sie sammelten ihre Kräfte für
eine konzentrierte kurzfristige Anstrengung. Als sie ankamen, waren sie
recht atemlos, aber für eine solch kurze Zeit konnten sie sich das
leisten. Mehr und mehr kommen die Leute jedoch zu der Erkenntnis, dass
der israelisch-palästinensische Konflikt, einer der langwierigsten der
modernen Geschichte, mehr ein Marathon-Lauf wird. Wenn die Teilnehmer
sich wie für einen Spurt von hundert Metern vorbereiten, werden sie
zugrunde gehen. Sie werden schnell aufgeben, die Hoffnung verlieren und
entweder physisch oder psychisch emigrieren. Bei einem Marathon muss
man anders atmen, man muss anders trainieren, man muss anders laufen,
ruhiger und ausgeglichener. Man braucht einfach einen längeren Atem.
Kultur ist für Palästinenser, die in diesem
fortdauernden und anscheinend endlosen Konflikt leben, die Kunst, den
längeren Atem zu haben. Ich treffe oft Spender, die denken, Kultur sei
in diesem Kontext ein Luxus, den wir Palästinenser uns nicht leisten
könnten und sollten. Für diese Spender ist Nothilfe, was die
Palästinenser unter Besatzung brauchen. Sie brauchen Brot zu essen, um
ihren Bauch zu füllen, damit sie denken können. Meistens wird so
argumentiert. Unsere Tragödie als Palästinenser ist, dass unser Kampf
seit der Balfour-Deklaration so oft als humanitäre Krise portraitiert
wurde, nicht als einer, der mit Identität und Selbstbestimmung zu tun
hat. Es lebt aber der Mensch "nicht nur vom Brot allein". Kultur ist
eines der wichtigsten Elemente für das menschliche Überleben. Unter
immensen Zwängen und in den unmoralischsten Situationen ist Kultur die
Kunst, zu lernen, normal zu atmen.
Im Kontext von Konflikten konzentriert man sich
hauptsächlich auf das, was "den Körper tötet", und vergisst oft, was
"die Seele tötet", das heißt die Würde, Kreativität, die Vision eines
Volkes. Ohne Visionen befreien sich Nationen von Zwängen, "werfen die
Fesseln ab". Kultur ist die Kunst, nicht nur seelisch zu überleben,
sondern zu gedeihen. Kultur ist die Kunst, sich zu weigern, nur Almosen
zu empfangen, sich dagegen zu wehren, nur als Opfer wahrgenommen zu
werden. Kultur ist die Kunst, eher ein Schauspieler, ein Akteur zu
werden, als nur Zuschauer zu bleiben. Sie ist die Kunst, das Leben zu
zelebrieren, inmitten des von Mächten von Tod und Unterdrückung
bestimmten Kontexts, eine Kunst des kreativen, gewaltlosen Widerstands.
Kultur ist aber nicht nur in Konfliktzeiten notwendig.
Kultur ist entscheidend, nicht nur im Widerstand gegen die Besatzung,
sie ist wesentlich in der positiven Selbsdarstellung, im persönlichen
Ausdruck und in der Art und Weise, wie man seine Geschichte so erzählt,
wie man es möchte. Kultur hat also mit Selbstbestimmung zu tun. Kultur
ist der Ort, wo wir bestimmen, wer wir sind, während wir uns selbst
definieren, nicht von anderen definieren lassen. Kultur ist das Medium,
mit dem wir vermitteln, was wir wirklich wollen, in einer Sprache, die
sich von politischen und religiösen Formulierungen unterscheidet. Im
palästinensischen Kontext haben die Leute eine Stufe erreicht, auf der
sie merken, dass politische Rhetorik nicht mehr ausdrückt, was sie
denken und wollen. Sie fühlen sich oft auch eingeengt von gewissen
Formen religiöser Ausdrucksweise, die zu viel Religiosität und zu wenig
Geist beinhalten. Kultur ist ein heiliger Raum, wo man frei zu atmen
lernt, in einer Umgebung, in der die frische Luft anscheinend fast
aufgebraucht ist. Deshalb glaube ich, dass Kultur eine der wichtigsten
tragenden Säulen in einem zukünftigen palästinensischen Staat ist.
Die Rolle, die Kultur in unserem zukünftigen Staat
spielen wird, entscheidet für viele, ob Palästina nicht nur ihr
Geburtsland ist, sondern auch ihr bewusst gewähltes Heimatland. Was im
Bereich Kultur passiert, wird anzeigen, in welche Richtung Palästina
geht: ein demokratischer Staat, der nicht nur von der Besatzung befreit
ist, sondern auch ein Staat, der gesetzlich die Freiheit des
persönlichen Ausdrucks garantiert, der Wege findet, sicherzustellen,
dass die Wiege der drei monotheistischen Religionen ein wichtiges
kulturelles Zentrum für die Menschheit wird.
Kultur ist auch, nicht zuletzt, eine wichtige Brücke
zwischen Palästina und dem Rest der Welt. Kultur hat zwar damit zu tun,
sich selbst so auszudrücken wie man ist, dies geschieht jedoch immer im
Verhältnis zu anderen. Das Zusammentreffen mit dem anderen ist wichtig
für das Selbstverständnis. Durch das Kennenlernen eines anderen Kontexts
erkennt man den eigenen, einzigartigen Kontext. So wird Kultur der Raum,
in dem man sich selbst und andere treffen kann, wo man eine Sprache
lernen kann, die lokal, aber auch universell gesprochen wird, und wo man
feststellt, dass man, um zu atmen, die Fenster weit öffnen muss für
frische Luft und frischen Wind von weit her über Meere und Ozeane.
Gleichzeitig braucht Palästina Kulturbotschafter, die anderen die
Einzigartigkeit von Land und Leuten näher bringen. Mit Kultur können
wir unserem Volk ein Gesicht geben, unseren Geschichten eine Melodie,
wir können eine Identität entwickeln, die in der palästinensischen Erde
verwurzelt ist, wie ein Olivenbaum, dessen Äste und Zweige in den
offenen Himmel wachsen.
Deshalb haben wir, die Leiter und Mitarbeiter des
Internationalen Begegnungszentrum in Bethlehem, uns 1997 entschlossen,
uns auf den Aspekt der Kultur zu konzentrieren und in diesen zu
investieren. 1999 eröffneten wir das „Cave Art and Craft Centre“ mit
einem Workshop, einer Galerie und einem Souvenirladen. Zudem richteten
wir 2003 ein Kultur- und Konferenzzentrum mit einem vielfältig nutzbaren
Hörsaal ein. Und aus derselben Überzeugung heraus hat in diesem
September im Dar al-Kalima College, dem einzigen seiner Art in dieser
Region, der erste Kurs für Kunst, Multimedia und Kommunikation in
höherer Ausbildungsstufe für hiesige Studenten begonnen. Das ist unser
Beitrag für die einheimische Gesellschaft, Talente zu fördern und
Hoffnung zu geben, so dass ein frischer Wind diese Entwicklung weiter
trägt, sich über ganz Palästina ausbreitet und wir atmen können, „ lebe
und lebe im Überfluss“.
Pfarrer Dr. Mitri Raheb an der Christlich Lutherischen
Kirche und Direktor des Internationalen Begegnungszentrums in Bethlehem.
Für mehr Informationen:
www.mitriraheb.org oder
www.annadwa.org.
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