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Kultur als Kunst, zu atmen
Dr. Mitri Raheb, Pfarrer der ev. Weihnachtskirche in Bethlehem

Es gab eine Zeit, in der die Leute dachten, der israelisch-palästinensische Konflikt gliche einem Hundertmeterlauf. Die Teilnehmer benahmen sich entsprechend; sie sammelten ihre Kräfte für eine konzentrierte kurzfristige Anstrengung. Als sie ankamen, waren sie recht atemlos, aber für eine solch kurze Zeit konnten sie sich das leisten. Mehr und mehr kommen die Leute jedoch zu der Erkenntnis, dass der israelisch-palästinensische Konflikt, einer der langwierigsten der modernen Geschichte, mehr ein Marathon-Lauf wird. Wenn die Teilnehmer sich wie für einen Spurt von hundert Metern vorbereiten, werden sie zugrunde gehen. Sie werden schnell aufgeben, die Hoffnung verlieren und entweder physisch oder psychisch emigrieren.  Bei einem Marathon muss man anders atmen, man muss anders trainieren, man muss anders laufen, ruhiger und ausgeglichener. Man braucht einfach einen längeren Atem.

Kultur ist für Palästinenser, die in diesem fortdauernden und anscheinend endlosen Konflikt leben, die Kunst, den längeren Atem zu haben. Ich treffe oft Spender, die denken, Kultur sei in diesem Kontext ein Luxus, den wir Palästinenser uns nicht leisten könnten und sollten. Für diese Spender ist Nothilfe, was die Palästinenser unter Besatzung brauchen. Sie brauchen Brot zu essen, um ihren Bauch zu füllen, damit sie denken können. Meistens wird so argumentiert.  Unsere Tragödie als Palästinenser ist, dass unser Kampf seit der Balfour-Deklaration so oft als humanitäre Krise portraitiert wurde, nicht als einer, der mit Identität und Selbstbestimmung zu tun hat. Es lebt aber der Mensch "nicht nur vom Brot allein".  Kultur ist eines der wichtigsten Elemente für das menschliche Überleben. Unter immensen Zwängen und in den unmoralischsten Situationen  ist Kultur die Kunst, zu lernen, normal zu atmen.

Im Kontext von Konflikten konzentriert man sich hauptsächlich auf das, was "den Körper tötet", und vergisst oft, was "die Seele tötet", das heißt die Würde, Kreativität, die Vision eines Volkes. Ohne Visionen befreien sich Nationen von Zwängen, "werfen die Fesseln ab".  Kultur ist die Kunst, nicht nur seelisch zu überleben, sondern zu gedeihen. Kultur ist die Kunst, sich zu weigern, nur Almosen zu empfangen, sich dagegen zu wehren, nur als Opfer wahrgenommen zu werden. Kultur ist die Kunst, eher ein Schauspieler, ein Akteur zu werden, als nur Zuschauer zu bleiben. Sie ist die Kunst, das Leben zu zelebrieren, inmitten des von Mächten von Tod und Unterdrückung bestimmten Kontexts, eine Kunst des kreativen, gewaltlosen Widerstands.

Kultur ist aber nicht nur in Konfliktzeiten  notwendig. Kultur ist entscheidend, nicht nur im Widerstand gegen die Besatzung, sie ist wesentlich  in der positiven Selbsdarstellung, im persönlichen Ausdruck und in der Art und Weise, wie man seine Geschichte so erzählt, wie man es möchte.  Kultur hat also mit Selbstbestimmung zu tun.  Kultur ist der Ort, wo wir bestimmen, wer wir sind, während wir uns selbst definieren, nicht von anderen definieren lassen.  Kultur ist das Medium, mit dem wir vermitteln, was wir wirklich wollen,  in einer Sprache, die sich von politischen und religiösen Formulierungen unterscheidet.  Im palästinensischen Kontext  haben die Leute eine Stufe erreicht, auf der sie merken, dass politische Rhetorik nicht mehr ausdrückt, was sie denken und wollen. Sie fühlen sich oft auch eingeengt von gewissen Formen religiöser Ausdrucksweise, die zu viel Religiosität und zu wenig Geist beinhalten. Kultur ist ein heiliger Raum, wo man frei zu atmen lernt, in einer Umgebung, in der die frische Luft anscheinend fast aufgebraucht ist. Deshalb glaube ich, dass Kultur eine der wichtigsten tragenden Säulen in einem zukünftigen palästinensischen Staat ist.

Die Rolle, die Kultur in unserem zukünftigen Staat spielen wird, entscheidet für viele, ob Palästina nicht nur ihr Geburtsland ist, sondern auch ihr bewusst gewähltes Heimatland. Was im Bereich Kultur passiert, wird anzeigen, in welche Richtung Palästina geht: ein demokratischer Staat, der nicht nur von der Besatzung befreit ist, sondern  auch ein Staat, der gesetzlich die Freiheit des persönlichen Ausdrucks garantiert, der Wege findet, sicherzustellen, dass die Wiege der drei monotheistischen Religionen ein wichtiges kulturelles Zentrum für die Menschheit wird.

Kultur ist auch, nicht zuletzt, eine wichtige Brücke zwischen Palästina und dem Rest der Welt. Kultur hat zwar damit zu tun, sich selbst so auszudrücken wie man ist, dies geschieht jedoch immer im Verhältnis zu anderen.  Das Zusammentreffen mit dem anderen ist wichtig für das Selbstverständnis. Durch das Kennenlernen eines anderen Kontexts erkennt man den eigenen, einzigartigen Kontext. So wird Kultur der Raum, in dem man sich selbst und andere treffen kann, wo man eine Sprache lernen kann, die lokal, aber auch universell gesprochen wird, und wo man feststellt, dass man, um zu atmen, die Fenster weit öffnen muss  für  frische Luft und frischen Wind von weit her über Meere und Ozeane. Gleichzeitig braucht Palästina Kulturbotschafter, die anderen die Einzigartigkeit von Land und Leuten näher bringen.  Mit Kultur können wir unserem Volk ein Gesicht geben, unseren Geschichten eine Melodie, wir können eine Identität entwickeln, die in der palästinensischen Erde verwurzelt ist, wie ein Olivenbaum, dessen Äste und Zweige in den offenen Himmel wachsen.

Deshalb haben wir, die Leiter und Mitarbeiter des Internationalen Begegnungszentrum in Bethlehem, uns 1997 entschlossen, uns auf den Aspekt der Kultur zu konzentrieren und in diesen zu investieren. 1999 eröffneten wir das „Cave Art and Craft Centre“ mit einem Workshop, einer Galerie und einem Souvenirladen. Zudem richteten wir 2003 ein Kultur- und Konferenzzentrum mit einem vielfältig nutzbaren Hörsaal ein. Und aus derselben Überzeugung heraus hat in diesem September im Dar al-Kalima College, dem einzigen seiner Art in dieser Region, der erste Kurs für Kunst, Multimedia und Kommunikation in höherer Ausbildungsstufe für hiesige Studenten begonnen. Das ist unser Beitrag für die einheimische Gesellschaft, Talente zu fördern und Hoffnung zu geben, so dass ein frischer Wind diese Entwicklung weiter trägt, sich über ganz Palästina ausbreitet und wir atmen können, „ lebe und lebe im Überfluss“.

 

Pfarrer Dr. Mitri Raheb an der Christlich Lutherischen Kirche und Direktor des Internationalen Begegnungszentrums in Bethlehem. Für mehr Informationen: www.mitriraheb.org oder www.annadwa.org.

 

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