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"Ich kann nicht mehr schweigen"

Von Jörg S. Carl

Evelyn Hecht-Galinski, die Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, hat kürzlich eine Debatte über die Politik der israelischen Regierung und die Haltung des Zentralrats dazu angestoßen. Wir sprachen mit ihr über die Reaktionen und die Adressaten ihrer Äußerungen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Kritik am Zentralrat?

Evelyn Hecht-Galinski: Ich war überrascht. Ich bin überrannt worden mit positiven Reaktionen. Die Zustimmung kam von anständigen Menschen, keineswegs aus der antisemitischen Ecke.

Wie war die Reaktion des Zentralrats?

Hecht-Galinski: Wie der Zentralrat das gerne macht: Die Kritik wurde abgeschmettert. Dabei muss man Freunde kritisieren dürfen. Was im Gazastreifen und Westjordanland passiert, muss angeprangert werden.

Hat man Ihnen vorgeworfen, antisemitisch zu sein?

Hecht-Galinski: Ja. Das kam auch aus dem Zentralrat. Dagegen wehre ich mich entschieden. Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats, hat mich als nützliche Hofjüdin bezeichnet und mir jüdischen Selbsthass vorgeworfen. Es geht also inzwischen ins Persönliche, aber das kann ich ertragen. Die Diskussion um Israels Politik und die Haltung des Zentralrats dazu hätte man schon lange führen müssen. Ich bin froh, das jetzt angestoßen zu haben.

Salomon Korn hat in einem Interview des Deutschlandfunks argumentiert, Israel lebe in einem Meer von Diktaturen. Die Nachbarn verstießen laufend gegen das Völkerrecht, was die Existenz Israels gefährde. Um diese zu retten, trete "die Notwendigkeit einer Realität in Kraft, die manchmal tragischerweise gegen das Völkerrecht verstoßen muss". Was sagen Sie dazu?

Hecht-Galinski: Damit hat er zugegeben, dass Israel gegen das Völkerrecht verstößt. Der Koordinator der Vereinten Nationen für Nothilfe, Jan Egeland, hat ja festgestellt, dass selbst 72 Stunden vor der Waffenruhe noch Streubomben abgeworfen wurden. Und was im Gazastreifen geschieht, sind Kriegsverbrechen. Dazu kann ich nicht mehr schweigen. Auch wegen meiner persönlichen Geschichte nicht: Ich möchte nicht, dass die Opfer des Holocaust dazu benutzt werden, den Mantel des Schweigens über die israelische Politik zu breiten.

Wie sollte der Zentralrat auf Israels Politik reagieren?

Hecht-Galinski: Er sollte die Vorgänge gezielt betrachten Nicht nur Verständnis äußern. Und die Kritiker nicht mundtot machen. Auch Selbstkritik wäre nicht schlecht. Wer Kritiker persönlich unflätig beschimpft, diskreditiert sich selbst.

Es ist allerdings Fakt, dass Israel noch immer die einzig funktionierende Demokratie im Nahen Osten ist.

Hecht-Galinski: Ja, von Israel wird immer als dem einzigen demokratischen Staat in Nahost gesprochen. Ich habe da meine Zweifel. Als demokratischer Staat kann man nicht einfach acht gewählte Hamas-Minister der palästinensischen Regierung festnehmen, so unbequem sie auch sein mögen.

Man darf auch nicht Tausende ohne Gerichtsbeschluss in Gefängnissen, darunter viele Frauen und Kinder, festhalten. Und man darf keine gezielten Tötungen vornehmen, wie es die israelische Regierung tut.


 

Sich der Kritik stellen!

Gerade als Tochter Heinz Galinskis, des ehemaligen Zentralratspräsidenten und KZ-Überlebenden, sah ich es als meine Pflicht an, der Organisation "Europäische Juden für einen gerechten Frieden" beizutreten. Diese vereint sehr unterschiedliche Positionen zu Fragen des Glaubens, des Zionismus, der Nationalität. Aber in einem sind wir uns einig: Israel trägt in diesem Konflikt die Hauptverantwortung. Es gibt nicht nur EIN Israel, deshalb will ich mich nicht solidarisieren mit einer israelischen Politik, die es in knapp 60 Jahren nicht geschafft hat, eine friedliche Koexistenz mit seinen Nachbarn einzugehen. Die israelische Regierung hat die primäre Pflicht, ihre Bevölkerung mit allen Mitteln ihrer technologisch hoch ausgerüsteten Armee entlang der eigenen Grenzen, damit meine ich die Grenzen von 1967, das heißt vor dem sogenannten Juni-Krieg (Sechstage-Krieg), zu schützen. Stellen wir uns vor, die gesamte in den besetzten Gebieten unrechtmäßig stationierte Armee wäre entlang der eigenen Grenze zum Schutz der eigenen Bevölkerung postiert. Kein anderer Staat ist denkbar, der seine Bevölkerung so gut schützen könnte.

 

Immer mehr jüdische Menschen in allen Ländern protestieren gegen diese Politik des ständigen Verstoßes gegen die Genfer Konventionen seit 39 Jahren. Andauernde Besatzung, Entrechtung, Unterdrückung und tagtägliche Demütigungen der Palästinenser, die unzähligen militärischen Übergriffe gegen ein Volk ohne Staat und Armee, gezielte Tötungen, willkürliche Landenteignungen, Zerstörung der Infrastruktur, Sprengung von Häusern, hemmungsloser Zaun- und Mauerbau und ungebremster Siedlungsbau sowie der neuerliche Angriffskrieg gegen den Libanon und Gaza können von uns nicht länger schweigend hingenommen werden.

Anstelle der Forderung Israels nach der Stationierung deutscher Soldaten im Libanon mit der Absicht, unter anderem zur nachträglichen Erfüllung der nicht erreichten Kriegsziele sollten deutsche Soldaten nur zum Wiederaufbau der mutwillig zerstörten Infrastruktur eingesetzt werden. Der stereotype Kreislauf: Zerstörung durch Israel, Aufbau durch die Europäer, neuerliche Zerstörung durch Israel und die damit herbeigeführte Massenverarmung, wirtschaftlicher Niedergang der besetzten Gebiete muß durchbrochen werden.

 

Als deutsche Jüdin fühle ich mich verpflichtet, Unrecht anzuprangern, auch wenn es vom sogenannten "einzig demokratischen Staat des Nahen Ostens" ausgeht.

 

Die Regierenden in Israel mißbrauchen nicht nur meinen Namen, sie haben die Stirn, sich auf die ermordeten Vorfahren zu berufen. Sie schämen sich nicht, meine in den KZ und Massengräbern des nationalsozialistischen Regimes um ihr Leben gebrachten Großeltern zur Rechtfertigung ihrer Untaten in Palästina und Libanon heranzuziehen. Die Toten können sich nicht wehren. Aber ich!

Der Zentralrat der Juden in Deutschland verfehlt zum wiederholten Male seine Stellung, indem er sich als Sprachrohr der israelischen Regierung und der israelischen Botschaft in Deutschland betätigt. Das ist für mich und meine jüdischen Mitstreiter unerträglich, keine Einzelmeinung von mir.

Die reflexhafte Abschmetterung jeglicher berechtigter Kritik (Heidemarie Wieczorek-Zeul, ehemaliges Direktoriumsmitglied Rolf Verleger), schlimmer noch, die persönlichen Diffamierungen gegen mich von Zentralratsvizepräsident Salomon Korn als "jüdische Selbsthasserin" und "nützliche Hofjüdin" ist ein blindwütiger Rundumschlag und zeugt von intellektueller Hilflosigkeit. Wenn von "Hofjuden" gesprochen wird, so fällt dieser diffamierende Begriff auf den Zentralrat zurück. Ich verkehre nicht am "Hof", noch weniger an "Höfen".

Der Zentralrat sollte sich für die Zukunft entscheiden und zuerst einmal Klarheit in den eigenen Reihen schaffen - zum Beispiel über die Kritik an Heidemarie Wieczorek-Zeul, die lediglich darauf aufmerksam gemacht hatte, daß es im Süden des Libanon israelische Streubomben mit hoher Blindgängerquote gebe, die beim Wiederaufbau Zivilisten und Kinder gefährden und zudem generell verboten werden müßten. Außerdem forderte sie eine UN-Untersuchung des Streubombeneinsatzes im Libanon durch Israel, die jetzt eingeleitet wird. UN-Nothilfekoordinator Egeland hatte es im Vorfeld als schockierend und unmoralisch bezeichnet, daß 90 Prozent der Streubomben in den letzten 72 Stunden des Konflikts niedergegangen sind.

Ob jetzt oder in naher Zukunft - der Zentralrat wird sich der Kritik und den Tatsachen im eigenen Interesse stellen müssen, um wieder als glaubwürdig wahrgenommen zu werden.

 

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