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In einem Interview in der ZEIT am 31.
August 2006 sagte die israelische Außenministerin Zipi Liwni anlässlich
ihres Berlin-Besuchs: "Aber die Beziehung (zwischen Deutschland und
Israel) war immer eine besondere und freundschaftliche." Diese
Besonderheit lässt sich auf der deutschen Seite nach unserer Wahrnehmung
im Wesentlichen wie folgt charakterisieren: Deutschland hat sich
angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocaust und der prekären Lage
Israels uneingeschränkt für Existenz und Wohlergehen dieses Landes und
seiner Bevölkerung einzusetzen, unter anderem durch Lieferung von
staatlich geförderter hochwertiger Waffentechnologie auch dann, wenn
Israel gegen internationales Recht und die Menschenrechte verstößt und
sich im Kriegszustand befindet; Kritik an israelischen Handlungsweisen
sollte, wenn überhaupt, nur äußerst verhalten geäußert werden und besser
unterbleiben, solange die Existenz dieses Landes nicht definitiv
gesichert ist.
Drei Fragen werden im folgenden diskutiert:
1. Ist es angemessen und sinnvoll, die "freundschaftliche Beziehung" -
und das soll sie nach Auffassung der Autoren bleiben - weiterhin als "besondere"
im angedeuteten Sinne zu pflegen?
2. Steht Deutschland aufgrund des Holocaust wirklich nur bei Israel in
der Pflicht im Nahen Osten?
3. Und was bedeutet es für den binnendeutschen Diskurs, für die
Beziehungen zwischen nicht-jüdischen, jüdischen und muslimischen
Deutschen, wenn diese beiden Fragen ernsthaft gestellt werden?
Zu welchen Antworten wir und die Leser mit oder gegen uns auch immer
kommen, eines steht nicht in Frage: Dass angesichts der weltweit
historischen Einzigartigkeit des Holocaust das Verhältnis der
nicht-jüdischen Deutschen zu Juden, zu allen, die sich als solche
verstehen, ein einmaliges ist, das von besonderer Zurückhaltung und
besonderer Sensibilität geprägt sein muss, und dass uns nichts von der
Verpflichtung entbinden kann, dem religiösen Antijudaismus und dem
ethnisch oder/und rassistisch motivierten Antisemitismus entschieden
entgegenzutreten, wo immer er auftritt.
Freundschaft oder "besondere" Freundschaft?
Auf der zwischenmenschlichen Ebene gilt zweifellos: Eine tragfähige
Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Freunde oder Freundinnen
einander aus Sorge um das Wohlergehen des anderen auch vor Fehlern,
Fehlentscheidungen und Fehlhaltungen warnen. Dies umso mehr, wenn für
beide Seiten viel auf dem Spiel steht. Solange die Kritik nicht im
Duktus der moralischen Verurteilung und in der Sprache der Abwertung
stattfindet, sondern anteilnehmend und mit Verständnis für die Umstände,
die ihn oder sie zu bewegen, mit Respekt vor der Freiheit des anderen
und aus dem Bedürfnis heraus, zu seinem oder ihrem (auch geistigen und
moralischen) Wohlergehen beizutragen, wird die Freundschaft sich dadurch
weiter vertiefen.
Gilt das auch dann, wenn einer der beiden dem Anderen gegenüber eine
tiefe und zurückliegende Schuld abzutragen hat? Wir meinen, je reifer
die Freundschaft wird, desto mehr wird dies auch in einer solchen
Beziehung der Fall sein. Allerdings muss die dazu erforderliche Haltung
in jeder neuen Situation neu gesucht und gefunden werden.
Ist diese Feststellung auch auf große Kollektive bzw. auf ein
politisches Verhältnis wie das zwischen Israel und Deutschland
übertragbar? Gelten dort nicht andere Gesetze und Maßstäbe? Ja und nein.
Ja, weil die Beziehung aufgrund der großen Zahl der Beteiligten und
ihrer unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen wesentlich
vielschichtiger ist. Diejenigen, die diese kollektive Beziehung als
handelnde Politiker auch persönlich verkörpern, müssen auf die
unterschiedlichen Gefühle und Bedürfnisse derjenigen Rücksicht nehmen,
die sie vertreten. Sie können nur bedingt so handeln, wie sie persönlich
gern handeln würden. Dies ist bei allem und immer in Rechnung zu stellen.
Nein, weil auch und gerade große Kollektive auf kritische Wahrnehmungen
und Rückmeldungen von außen angewiesen sind, damit Fehlentscheidungen
korrigiert und die Entwicklung von gefährlichen Blindstellen und
Fehlhaltungen verhindert werden können.
Nehmen wir an, die israelische Regierung hätte, wie es unter Freunden
nahe liegen würde, nach der Tötung der acht israelischen Soldaten und
der Entführung von zwei weiteren durch die Hizbullah am 12. Juli die
deutsche Regierung über ihre geplanten Reaktionen informiert (Zerstörung
eines Großteils der Infrastruktur des Libanon inkl. der Wasser-,
Elektrizitäts- und Ölversorgung sowie des Tourismus durch einen
Ölteppich vor der Küste, Vertreibung der Bevölkerung aus dem Südlibanon,
bewusste Inkaufnahme hoher ziviler Opfer, um wenigstens eine
militärische Schwächung - wenn schon nicht eine Entwaffnung - der
Hizbullah zu erreichen, Verweigerung humanitärer Korridore zur
Versorgung derjenigen, die nicht fliehen konnten, vollständige
Zerstörung der Schiitenviertel in den libanesischen Städten, wochenlange
Blockade der Küste und der Flughäfen und Einsatz von Streubomben). Wie
hätte die deutsche Regierung als Freund Israels darauf reagieren können?
Vielleicht wäre es der deutschen Regierung eher als der israelischen
möglich gewesen, die katastrophalen weltweiten Folgen einer solchen "massiven
Vergeltung" nach dem Prinzip der Kollektivhaftung einzuschätzen?
Vielleicht hätte die deutsche Regierung zu einem abgestuften Vorgehen
geraten oder zu einer Anrufung des Sicherheitsrates oder zu etwas
Anderem. Es geht hier nicht darum, die Möglichkeiten einer solchen
freundschaftlichen Beratung durchzuspielen und abzuwägen. Für unsere
Zwecke genügt es, sich überhaupt vorzustellen, was "Freundschaft" in
einem solchen Falle auch hätte bedeuten können. Eine absurde Vorstellung?
Absurd gewiss, wenn die Beziehung weiterhin als "besondere" im eingangs
bezeichneten Sinne verstanden wird. Befreit man sich von dieser
Vorstellung, liegt es auf der Hand, dass es sowohl für Israel als auch
für Deutschland von Vorteil wäre, eine belastungsfähige Freundschaft zu
entwickeln, in der auch Kritik in unterstützender, nicht abwertender
Absicht ihren Platz hat.
Natürlich würde eine solche Veränderung im deutsch-israelischen
Verhältnis auch das Verhältnis Israels zur EU, zu den USA usw. tangieren.
Dies soll hier ebenfalls nicht durchgespielt werden. Es genügt,
festzuhalten, dass die Veränderung in keinem dieser Fälle zum Schaden
der Beteiligten sein würde.
Die deutsche Verantwortung gegenüber Palästina
Es gibt eine viel zu selten bedachte Seite der Holocaust-Folgen. Bis zum
Jahre 1933 - 37 Jahre nach Erscheinen der den Zionismus begründenden
Schrift "Der Judenstaat" von Theodor Herzl und 16 Jahre nach der
Balfour-Declaration, in der England als Mandatsmacht den Zionisten eine
"Heimstätte" in Palästina versprach - waren max. 160.000 Juden in
Palästina eingewandert. Und nicht wenige von ihnen hatten diesen Schritt
in der Vorstellung getan, es sei möglich, das "Heilige Land" gemeinsam
mit den ortsansässigen Arabern zu kultivieren und zu entwickeln. Niemand
sollte vertrieben werden, und so argumentierte Martin Buber noch 1950.
Erst durch die früh erkennbare radikale Bedrohung der Juden im
nationalsozialistischen Einflussbereich kam es zu einer die Balance mit
den Arabern gefährdenden Masseneinwanderung. Nicht zuletzt unter dem
Schock des Holocaust fand der gegen die arabischen Staaten gefasste
Beschluss der Vereinten Nationen, die Gründung eines Staates Israel zu
akzeptieren, internationale Zustimmung, trotz zunächst starker Bedenken
der Briten und über lange Zeit auch des Außenministeriums der USA.
Mit anderen Worten: Es ist der Holocaust, der das seit sechs Jahrzehnten
anhaltende und gegenwärtig bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Leid
über die (muslimischen wie christlichen und drusischen) Palästinenser
gebracht hat. Das ist nicht dasselbe, als hätte das Dritte Reich einen
Völkermord an den Palästinensern verübt. Aber zahllose Tote waren auch
hier die Folge, das Auseinanderreißen der Familien, die Vertreibung oder
das Hausen in Notquartieren bis auf den heutigen Tag. Ohne den Holocaust
an den Juden würde die israelische Politik sich nicht berechtigt oder/und
gezwungen sehen, sich so hartnäckig über die Menschenrechte der
Palästinenser und der Bewohner Libanons hinwegzusetzen, um seine
Existenz zu sichern. Und ohne den Holocaust erhielte Israel dafür nicht
die materielle und politische Rückendeckung der USA, wie sie sich v.a.
seit den neunziger Jahren entwickelt hat. (Die amerikanische Finanzhilfe
an Israel beläuft sich auf 3 Mrd. US-Dollar jährlich und entspricht
damit 20 Prozent der gesamten Auslandsfinanzhilfe der USA.)
Der seit nunmehr fast sechs Jahrzehnten andauernde, immer wieder blutige
Nahostkonflikt hat unbestreitbar eine deutsche und in Abstufungen eine
europäische Genese;europäisch insofern, als der deutsche Gedanke einer "Endlösung
der Judenfrage" aus dem europäischen Antisemitismus und Nationalismus
hervorgegangen ist. Und die palästinensische Bevölkerung hat an der
Auslagerung eines Teils der europäischen Probleme in den Nahen Osten
nicht den geringsten Anteil.
Es ist also nicht nur Israel, das Anspruch auf besondere Aufmerksamkeit,
Zuwendung und freundschaftliche Kritik Deutschlands (und Europas) hat.
Als Deutsche, Österreicher und Europäer haben wir nicht nur
Mitverantwortung für die Existenz Israels, die, nachdem die Geschichte
nun einmal diesen Gang genommen hat, ohne Abstriche für alle Zukunft zu
sichern ist, sondern auch eine Mitverantwortung für die
Lebensbedingungen und eine selbstbestimmte Zukunft des palästinensischen
Volkes.
Wieder kann und muss hier nicht im Einzelnen durchgespielt werden, was
es heißen würde, diese Verantwortung ernster zu nehmen als bisher. Mit
Geldtransfer allein ist es jedenfalls nicht getan. Es ist klar, dass das
Ziel ein ökonomisch lebensfähiges Palästina mit ungehinderter
Bewegungsfreiheit zwischen dem Gazastreifen und dem Westjordanland sein
muss, kein Staat zweiter Klasse, kein Homeland, kein zerstückeltes
Bantustan. Und dass nur eine verhandelte Lösung, keine einseitig
dekretierte, Aussicht auf Bestand hat. Klar ist auch, dass jede
Anstrengung unternommen werden muss, um den Anreiz für Palästinenser zu
verringern, sich an mörderischen Attentaten und Raketenangriffen auf
israelische Zivilisten zu beteiligen bzw. den Anreiz zu erhöhen, sich an
konstruktiver Aufbauarbeit zu beteiligen. Europäische Muslime könnten
mit entsprechender Unterstützung dazu beitragen, dass auch in Palästina
diejenigen islamischen Grundwerte mehr Aufmerksamkeit finden, die den
Selbsmordattentaten, die ja nicht von Muslimen erfunden wurden,
entgegenstehen, und dass islamische Vorbilder gewaltfreien Widerstands
gegen staatliches Unrecht bekannt und anerkannt werden.
Israels Sicherheit kann auf Dauer nur dadurch gewährleistet werden, dass
es ringsherum Nachbarn hat, die mit ihren individuellen und staatlichen
Lebensbedingungen und Entfaltungschancen so zufrieden sind, dass sie
eine gemeinsame Erarbeitung von Lösungen für die Probleme, die den
ganzen Nahen Osten betreffen - wie z.B. die Wassernutzung und -verteilung
- überhaupt denken können. Und die Sicherheit und Unversehrtheit
Palästinas und der Palästinenser ist nur zu gewährleisten, wenn Israelis
nicht mehr fürchten, ins Meer getrieben zu werden. Vielleicht muss es -
ohne Annektionen - angesichts des ganzen vergangenen Schreckens für
einige Jahrzehnte tatsächlich eine weitgehende Trennung geben, bis hin
zu Korridoren durch Tunnel zwischen den Landesteilen Palästinas, so
lange, bis sich die Lage beruhigt hat. Freiwillige Begegnungen
insbesondere der jungen Leute auf "neutralem Boden" könnten gleichzeitig
helfen, die beiderseitigen stereotypen Wahrnehmungen aufzulösen.
Eine dem Holocaust und seinen Folgewirkungen für beide Seiten gerecht
werdende deutsche Haltung bedeutet, Verantwortung für eine
Transformation des israelisch-palästinensischen Konflikts zu übernehmen.
Sie ist nur als gleichgewichtige möglich. Die erste Voraussetzung dafür
besteht darin, das Leiden wie das Unrecht (die Gewaltsamkeit der
Konfliktaustragung) auf beiden Seiten wahrzunehmen und die Bedürfnisse
nach Sicherheit, Menschenwürde und Vertragstreue auf beiden Seiten
anzuerkennen. Nicht nur die militaristischen Gruppen der Palästinenser
und die Hizbullah haben mit ihren Raketenangriffen und den fortgesetzten
Selbstmordattentaten den Geist von Oslo zerstört; die
völkerrechtswidrige Fortsetzung und der massive Ausbau der israelischen
Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten seit 1993, dem Zeitpunkt des
Oslo-Abkommens, die willkürliche Zerstörung von Häusern, Gärten,
Olivenhainen, Infrastruktur, die täglichen Demütigungen der
Palästinenser und schließlich die de facto-Annektion von etwa 10 Prozent
des Westjordanlandes mittels einer "Zaun" genannten, in Teilen acht
Meter hohen Mauer hatten die gleiche fatale Wirkung. Die Frage nach
Ursache und Wirkung ist hier wie die nach Henne und Ei. Sie ist
unproduktiv.
Eine Konfliktlösung ist nur auf sehr lange Sicht im Rahmen einer
gemeinsamen regionalen, auch Ägypten, Jordanien, Libanon, und Syrien
einschließenden wirtschaftlichen Nahostkooperation möglich.
Konflikttransformation kann dagegen sofort beginnen. Sie verlangt eine
erneute Anstrengung, einen lebbaren modus vivendi zu finden, der
Konsequenzen aus den Fehlern von Oslo zieht. Deutsche Politik könnte
hier, wenn sie sich als freundschaftlich nach beiden Seiten versteht,
einen Beitrag leisten.
Was bedeutet das alles für den binnendeutschen Diskurs?
Die angedeutete, aus unserer Sicht wünschenswerte Veränderung der
deutschen Haltung setzt Veränderungen auch im innerdeutschen Verhältnis
voraus. Trotz ernsthafter Auseinandersetzung mit Ursachen, Verlauf und
Folgewirkungen des Holocaust in Literatur, Kunst und Wissenschaft sowie
in unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen sind Vorurteile,
Ressentiments und Misstrauen gegenüber Juden in Deutschland nach wie vor
weit verbreitet. Antisemitismus hält sich nicht nur hartnäckig in trüben
neo-nazistischen Randbereichen, sondern findet sich mitunter, mehr oder
weniger verdeckt, durchaus auch im Mainstream der deutschen Bevölkerung
und der großen politischen Parteien.
Gleichzeitig haben tragende Kräfte der deutschen Politik und
Gesellschaft die Trauer über das Ungeheuerliche in mehr oder weniger
hohle Rituale verflacht und so Einstellungswandel eher behindert als
gefördert. Das Ergebnis ist ein problematischer Philosemitismus.
Problematisch deshalb, weil die bloße Umkehrung eines starren, gegen die
Realität abgeschotteten Feindbildes letztlich nur dasselbe mit
umgekehrten Vorzeichen ergibt und ebenfalls gegen die Realität und jedes
differenzierte Urteil immunisiert. Theodor W. Adorno hielt in seiner "Dialektik
der Aufklärung" fest: "Nicht erst das antisemitische Ticket ist
antisemitisch, sondern die Ticketmentalität (vorgestanztes Denken)
überhaupt." Zusammen mit dem eingangs erwähnten unausgesprochenen Verbot
offener Kritik an israelischen Entscheidungen stärkt der Philosemitismus
in Deutschland den Antisemitismus eher als dass er ihn schwächt.
Ganz erhebliche Anstrengungen müssen unternommen werden, um muslimischen,
deutschen und jüdischen Jugendlichen ein positives Verhältnis zueinander
zu ermöglichen. Auf die Dauer wird eine nach beiden Seiten offene und
freundschaftliche deutsche Politik im Nahen Osten nur dann möglich sein,
wenn sie in Deutschland selbst die Unterstützung sowohl der Juden als
auch der Muslime findet und der Antisemitismus deutlich zurückgedrängt
wird. So lange eine der beiden Gruppen sich unterbewertet oder
ausgegrenzt fühlt, kann aus friedlicher Koexistenz oder gar
gleichberechtigtem Dialog nichts werden.
Jede neue Attacke auf israelische Zivilisten, jede neue Verletzung des
Verhältnismäßigkeitsgebots durch Armee und Regierung Israels verstärken
die Lagermentalität pro und contra Israel in Deutschland, die schon
jetzt beängstigende Ausmaße angenommen hat. In dieser Situation ist eine
breite öffentliche und offene Debatte über die oben aufgeworfenen Fragen
notwendig. Letztlich gilt in Demokratien (und nicht nur dort), dass
"die" Politiker nur diejenige Politik mit Erfolg betreiben und
durchsetzen können, die von den Bürgerinnen und Bürgern in ihrer großen
Mehrheit gewollt wird. Es genügt daher nicht mehr, im stillen Kämmerlein
den Kopf zu schütteln über Israels Vorgehen oder die Faust ob der
Attacken der Hamas und der Hizbullah zu ballen. Wir alle müssen uns im
gleichen Maße von den gewalttätigen Aspekten der israelischen Politik
abgrenzen, wie wir uns vom militärischen Vorgehen eines Teils der
Palästinenser und der libanesischen Hizbullah distanzieren. Jede Stimme
aus Israel und Palästina, die genau dies von uns verlangt - und die gibt
es zum Glück - ist eine wertvolle Hilfe auf diesem Weg und sollte Gehör
in unseren Medien finden.
Vielleicht hilft es sich vorzustellen, wie in der gegenwärtigen
Situation wohl die vielen Intellektuellen, Schriftsteller, Künstler und
Musiker jüdischer Herkunft von Adorno über Einstein, Freud und Marx bis
zu Zweig reagiert hätten, auf die wir so stolz sind und ohne die die
deutsche Kultur und der deutsche Beitrag zur Wissenschaft um so vieles
ärmer wären. Wir sind überzeugt, dass sie den folgenden Satz
unterschreiben würden: Nur Gleichheit und Respekt vor Recht und
Völkerrecht können ein friedliches Zusammenleben gewährleisten und sind
die einzigen Garanten für eine dauerhafte Existenz des Staates Israel
und des zukünftigen Staates Palästina in Sicherheit - und für die
Sicherheit von Juden und Jüdinnen bei uns und in aller Welt.
Die in der UN-Charta und in der UN-Menschenrechtserklärung formulierten
Menschenrechte entstanden vor dem Hintergrund der Nazi-Barbarei,
insbesondere des industrialisierten rassistischen Massenmordes an Juden,
Sinti, Roma und anderen Minderheiten. Doch beide Dokumente kennen nur
die Gleichheit der Menschen ohne jede Ausnahme. Das muss auch für die
Konfliktparteien im Nahen Osten gelten.
Altruismus oder Eigeninteresse?
Was oben über die Notwendigkeit einer gleichgewichtigen
freundschaftlichen deutschen Nahost-Politik gesagt wurde, mag in manchen
Ohren zunächst idealistisch klingen, zu sehr von Ethos und zu wenig von
Interesse geprägt. Es ist daher geboten, das damit verbundene
Eigeninteresse offen zu legen, und dies tut unseres Erachtens den
vorgebrachten Argumenten keinen Abbruch.
Der 11. September 2001 hat endgültig klar gemacht, dass wir uns auf dem
Weg in einen neuen hochexplosiven Ost-West-Konflikt befinden, der
weitaus schwerer unter Kontrolle zu halten sein wird als der alte mit
seinen streng zentralisierten und verlässlichen Kommandostrukturen.
Obwohl der transnationale Terrorismus viele Quellen hat, ist
unverkennbar, dass eine Hauptquelle der zunehmenden terroristischen
Energie der ungelöste Nahostkonflikt ist. (Dass manchen autoritären oder
diktatorischen arabischen Regimen das Offenhalten dieser Quelle sehr
gelegen kommt, weil es hilft, von den eigenen internen politischen
Problemen abzulenken, schmälert das Gewicht dieser Einsicht nicht.)
Wenn der Gegensatz zwischen islamischer und westlicher Welt im Nahen
Osten weiter angeheizt wird, und das war im Libanonkrieg in einem Maße
der Fall, das selbst die Erwartungen der Experten übertroffen hat, ist
nicht nur der Nahe Osten, sondern mehr oder weniger die ganze Welt
betroffen. Die Anschläge von Madrid und London und die nur durch Zufall
verhinderten Anschläge auf Züge in Deutschland haben die extreme
Verwundbarkeit Europas gezeigt. Jede weitere blind antiwestliche
Solidarisierung in der islamischen Welt gefährdet unmittelbar das heute
für so viele Menschen der Erde attraktive Modell Europa und bringt
erneutes Leid über zahllose Zivilisten aller möglichen Orientierungen
und Nationalitäten. Es darf daher nichts unterlassen werden, was
geeignet ist, diesen neuen Ost-West-Konflikt abzubauen - im Äußeren wie
im Inneren. Dies und das Eintreten für die Menschenrechte, wo und durch
wen immer sie verletzt werden, sind wir den Opfern des
Nationalsozialismus schuldig.
Diese deutschen Politologen schrieben das Manifest:
Dr. Dieter Arendt, Professor für Literaturwissenschaft an der
Universität Gießen; Dr. Detlev Bald, Friedensforscher und Historiker in
München; Dr. Johannes Becker, Privatdozent für Politikwissenschaft an
der Universität Marburg; Dr. Jörg Becker, Professor für
Politikwissenschaft an der Universität Marburg; Dr. Tilman Evers,
Privatdozent für Politikwissenschaft an der Freien Universität in
Berlin; Dr. Marianne Gronemeyer, Professorin für Erziehungswissenschaft
und Sozialwissenschaft an der FH Wiesbaden; Dr. Dr. Reimer Gronemeyer,
Professor für Soziologie an der Universität Gießen; Dr. Karl Holl,
Professor für Geschichte an der Universität Bremen; Prof. Dr. Karlheinz
Koppe, ehem. Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und
Konfliktforschung (DGFK) in Bonn; Dr. Gert Krell, Professor für
Politikwissenschaft an der Universität Frankfurt; Dr. Georg Meggle,
Professor für Philosophie an der Universität Leipzig; Dr. Werner Ruf,
Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kassel; Dr. Hajo
Schmidt, Professor für Philosophie an der Fernuniversität Hagen; Prof.
Dr. Udo Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg;
Dr. Reiner Steinweg, Literaturwissenschaftler, Friedensforscher und
Konfliktberater, Linz/Donau; Prof. Dr. Helmut Thielen, Coordinación
General del Instituto Alexander von Humboldt-ICIBOLA in Porto Alegre/Brasilien;
Dr. Wolfram Wette, Professor für Neueste Geschichte an der Universität
Freiburg.
Der Text wird der Grundintention nach unterstützt von
Dr. Hanne-Margret Birckenbach, Professorin für Politikwissenschaft an
der Universität Gießen; Dr. Ernst-Otto Czempiel, Professor für
Politikwissenschaft an der Universität Frankfurt; Dr. Egbert Jahn,
Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim; Dr. Gert
Krell, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Frankfurt;
Irene Krell, Lehrerin in Frankfurt; Dr. Gerald Mader, Präsident des
Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung,
Stadtschlaining/ Burgenland; Hannah Reich, Berghof Forschungszentrum für
Konstruktive Konfliktbearbeitung in Berlin; Erich Schmidt-Eenboom,
Leiter des Forschungsinstituts für Friedenspolitik in Weilheim/Oberbayern;
Dr. Christian Wellmann, Stv. Direktor des Schleswig-Holsteinischen
Instituts für Friedenswissenschaften in Kiel.
Eine gekürzte Fassung dieses Textes wurde am 15. November 2006 auf der
Dokumentationsseite der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.
Quelle : http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Israel/manifest.html
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