Amira Hass
Morgen wird alles schlimmer. Berichte aus
Palästina und Israel.
Aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser.
Verlag C.H. Beck, September 2006. 208
Seiten, 19,90 Euro.
Vorwort
Aus dem Hebräischen von Christian Wiese
Anfang
des Jahres 2001 bat mich die italienische Wochenzeitung
Internazionale, jede Woche eine kurze Kolumne zu
verfassen. Der neue Aggregatzustand der
israelisch-palästinensischen Beziehungen erregte natürlich
weltweit Interesse. Eine Situation, die ein Friedensprozeß
hätte sein sollen, hatte - nach voraussehbaren
Enttäuschungen - zu Demonstrationen geführt, die mit
tödlichen Waffen aufgelöst wurden, zu täglichen
Beerdigungen, zu Bombardements, zu Schüssen auf fahrende
Autos (wenn auch noch nicht zu Selbstmordattentaten), zur
Belagerung von Dörfern und Städten. Ich entsprach der
Bitte, machte mir aber damals nicht klar, daß es sich
dabei um eine langwierige Aufgabe handelte, die auch Mitte
des Jahres 2006 noch nicht beendet sein würde.
Ich verstand das Verfassen der
wöchentlichen Kolumne als zeitweilige Tätigkeit, in deren
Verlauf sich ein Beitrag aus dem anderen ergeben würde.
Über die Zukunft des Geschriebenen dachte ich nicht nach,
und es lag ganz gewiß nicht in meiner Absicht, ihm später
eine andere Form etwa die eines Buchs - zu geben. Für mich
konservierte jeder kurze Abschnitt, den ich verfaßte, den
jeweiligen Augenblick, eine Szene in der realen Zeit oder
einen Gedanken, eine Reflexion. Daraus folgt, dass sich
all diese Stücke der «Gegenwart» zu der Zeit, zu der sie
verfaßt wurden, nicht in eine lineare Zeitfolge fügen
konnten. Doch als die Redaktion der Zeitung Internazionale
mir 2004 vorschlug, alle Kolumnen zu sammeln und ein Buch
daraus zu machen, schüttelte jedes Stück Gegenwart
automatisch seine Form ab und wurde zugleich zum «heute»
und zum «morgen». Auf diese Weise entstand eine gewisse
Distanz - eine Art Entfremdung - zwischen mir als der
Schreibenden und dem vorliegenden Text. Die Dimension
der Zeit, in der ich die Kolumne geschrieben hatte,
ist eine andere als jene, die sie im Buch annahm.
Als aus den Kolumnen ein Buch wurde,
wandelte sich nicht nur die Dimension der Zeit, sondern
auch ihr Charakter. Während beim Schreiben wöchentlicher
Texte der Blick stets nach vorne gerichtet ist, kann die
Lektüre nun auch «rückwärts» erfolgen und gestattet
Schlüsse auf das «gestern», als wäre es inmitten des
«morgen» geschrieben. Im Gegensatz zur «rückschauenden»
Lektüre verbergen sich im Schreiben über die Gegenwart -
wenn auch nicht explizit - immer mehrere Möglichkeiten für
das «morgen» des Gegenstands, über den geschrieben wird.
jede Kolumne genoß, für sich genommen, das Privileg der
Unkenntnis einer noch unbestimmten Zukunft. Die
Eindeutigkeit, die sich aus der rückschauenden Lektüre
(jener des Buchs) ergibt, existierte also noch nicht, als
ich die Kolumnen verfaßte. Der Determinismus der Zeit war
nicht selbstverständlich. Bisweilen wurden die Worte
geschrieben, als Panzer wie lärmende Ungeheuer draußen vor
dem Fenster stampften und von ferne laute Detonationen und
Schüsse zu hören waren. Oder aber man dachte über den
Augenblick nach, in dem dies bereits ein Ende gefunden
haben würde. Und wirklich, es hörte auf. Manchmal
entstanden die Kolumnen während einer Ausgangssperre, die
sich letztlich ebenfalls als vorübergehend erwies. Dann
wieder wurden die Worte unter dem Eindruck von
Selbstmordattentaten in Israel und der persönlichen Sorge
um Freunde und Bekannte verfaßt. Neben der gesicherten
Erkenntnis, daß Israel seine Militärpolitik verschärfen
würde, stand die Erwartung einer Rückkehr zur Vernunft.
Manchmal hofft man beim Schreiben des Augenblicks darauf,
internationale Einmischung möge dem Wahnsinn ein Ende
bereiten. Während man schreibt, gibt es also verschiedene
Möglichkeiten, wie sich die Zeit entwickeln und was sich
in Zukunft ereignen kann. In den Kolumnen war die
imaginierte Zeit in verschiedene Richtungen offen. Im
Buch verläuft die Achse der vergangenen Zeit so, daß sich
- zu meinem Bedauern - der Titel «Morgen wird alles
schlimmer» bewahrheitet. Seitdem ich diesen Titel für
die italienische Ausgabe gewählt habe, oder besser,
seitdem die fortschreitende Zeit und mein Wissen mir
diesen Titel aufgezwungen haben, liefert jeder Tag den
Beweis für seine Berechtigung.
Ende Juni dieses Jahres begann ich, dieses
Vorwort für die deutsche Ausgabe zu schreiben, zu einem
Zeitpunkt also, als die israelische Armee bereits mehr als
zwei Wochen lang (nach einer palästinensischen
Guerillaaktion, bei der ein israelischer Soldat
gefangengenommen wurde) den Gazastreifen angegriffen
hatte. 1,4 Millionen Menschen, darunter nahe Freunde,
leben ein albtraumhaftes Leben, das schwerer ist als
jemals zuvor in den vergangenen sechs Jahren. Die Armee
Israels tut, wie es der israelische Justizminister
ausdrückte, in Gaza Dinge, die sie nicht zu tun wagte, als
sie sich noch physisch innerhalb der Grenzen des
Gazastreifens befand. Gemeint ist das Zusammenspiel von
militärischen Offensiven, Belagerungen und
wirtschaftlichen Blockaden, die in einem Maße, einer
Häufigkeit und in Formen stattfinden, wie sie bisher nicht
denkbar waren. Während ich dieses Vorwort beende, kommt es
gleichzeitig auch im Norden zum Krieg - zwischen Israel
und der libanesischen Hisbollah -, und es ist nicht
vorauszusagen, in welche Richtung sich die Dinge
entwickeln werden.
Nicht nur die Wahrnehmung der Zeit hat
sich verändert. Auch was die Intention des
Geschriebenen betrifft, begann sich ein Wandel
abzuzeichnen. In meinem wöchentlichen «Gespräch» mit den
Lesern wollte ich Ecken ausleuchten, die von den
Standardmedien nicht beachtet werden.
Ich vertraute darauf, daß die Leser der
Wochenzeitung, die eine Fülle internationaler Nachrichten
bietet, aufmerksam die zentralen politischen und
militärischen Ereignisse der vergangenen Woche verfolgt
hatten. Sie sind gleichsam Hintergrund, Schauplatz und
Grundlage der unauffälligen Details, die ich zu skizzieren
trachtete. Hier, im Buch, sind diese Abschnitte
unabhängig von der Szenerie der «offiziellen» Ereignisse
versammelt, welche die Sprecher der Armee, des
Nachrichtendienstes und der Regierung als wichtig, als
wesentlich, als Hauptsache heiligten. In Wirklichkeit
hat sich die Intention dieser Texte in ihrer Schärfe, ja
in ihrer Radikalisierung nicht verändert: Zur Hölle mit
diesen offiziellen Nachrichten, zur Hölle mit der von
Generälen und Politikern festgelegten offiziellen
Hierarchie dessen, «was wert ist, gedruckt zu werden, und
wo », zum Teufel mit dem Monopol der elektronischen Medien
und der «anständigen» Presse. So treffen die kleinen,
unspektakulären Augenblicke - jenseits der Chronologie der
offiziellen Ereignisse mit ihrem Anfang und Ende
(militärische Invasion, Selbstmordattentate, Wahlen,
Verhandlungen) - eine laute Aussage über eine völlig
andere Hierarchie des Wichtigen. Sie fällt, wenn man
so will, etwas lauter aus als das, was ich in den Kolumnen
beabsichtigte.
Die größte Distanz betrifft die Sprache.
Nicht nur, weil ich meine Kolumnen auf englisch verfaßt
habe, das nicht meine eigene Sprache ist, sie dann ins
Italienische übersetzt wurden, das ich nicht spreche, und
man sie nun aus dem Englischen ins Deutsche übertragen
hat, das ich ebenfalls nicht beherrsche. Die Worte - in
jeder Sprache - wurden nicht etwa zur Brücke zwischen der
Wirklichkeit, die ich beschreiben wollte, und den Lesern,
sondern zu einer Trennwand, die Bedeutungen und
Wirklichkeiten nur schemenhaft erkennen läßt. Die
israelische wie die weltweite Mediensprache bringt irrige
und irreführende Begriffe hervor, zu deren Überwindung man
viele Erklärungen, viel Raum und Zeit brauchte. Vor
dem September 2000 war es das Wort «Frieden». Nach diesem
Datum wurde «Krieg» zu einem weitverbreiteten Begriff. Bei
dem Wort Krieg denkt man an zwei mehr oder weniger
gleichwertige Armeen zweier souveräner Gemeinwesen. So
stellt man in Israel den Ausbruch palästinensischer
Proteste seit September 2000 auf höchst bequeme Weise als
Kriegserklärung dar, das heißt als Aggression eines
Souveräns gegen einen anderen, insbesondere nachdem
bewaffnete Palästinenser - ohne Strategie, einheitliches
Kommando, Fähigkeiten und Wissen - beschlossen, mit ihren
Waffen zu prahlen und in die Luft zu schießen, als wollten
sie sagen: «Ich schieße, also bin ich. » So erhielt die
israelische Armee, eine der stärksten, hochentwickeltsten
und am besten ausgerüsteten Streitkräfte der Welt, die
tödliche Schüsse gegen demonstrierende Bürger abgibt, noch
bevor überhaupt Bewaffnete in Erscheinung treten, die
goldene Gelegenheit, zu fordern, man solle von «Kämpfen»
und «Feuergefechten» reden.
Was den Weg zu dieser verlogenen
Begrifflichkeit ebnete, war die OsloEpoche, die Zeit
dessen, was man als Friedensprozeß unter der
Schirrnherrschaft Europas und Amerikas bezeichnet. Die
palästinensische Selbstverwaltung, die eine beschränkte
Verantwortung für die Führung der Angelegenheiten der
Bevölkerung, nicht aber die Vollmacht über das Land, das
Wasser, das Einwohnermeldeamt, die Grenzen und die
Entwicklungspolitik erhielt, wurde - in der Vorstellung
der Welt - allmählich zu einem «Staat». Die
israelische Besatzung geriet in Vergessenheit, die
beschleunigte Kolonialisierung schritt trotz einiger
schwacher Proteste ungehindert fort. Nicht wenig dazu
beigetragen hat die palästinensische Führung - vor allem
Jassir Arafat, der die Symbole und die Symbolik liebte -,
indem sie ihre in kleinen Enklaven ausgeübte
Selbstverwaltung als «Staat» und die Existenz der Enklaven
als «Befreiung» bezeichnete. Sogar der Begriff «Palästina»
ist im Kontext des Untertitels des Buchs irreführend und
wurde nur mangels Alternativen gewählt - schließlich sind
langatmige Erklärungen bei der Titelwahl nicht angebracht.
Erwähnt man Palästina in Verbindung mit (dem Staat)
Israel, so entsteht der Eindruck, es sei von einem
souveränen Staat die Rede, dessen Staatsgeblet das
Westjordanland und der Gazastreifen sind. Doch es gibt
nichts dergleichen, es existiert kein souveräner Staat
Palästina. Es gibt den Namen «Palästina» als
Bezeichnung für das ganze Land, vom Jordan bis zum
Mittelmeer - das ist der bei der alteingesessenen
Bevölkerung, den palästinensischen Arabern, geläufige Name
für das Land. Dieselbe geographische Einheit heißt im
Hebräischen Eretz Israel («Das Land Israel»). Im Verlauf
der Besiedelung des den ursprünglichen Bewohnern
gehörenden Landes vor allem durch säkulare Juden, die sich
auf eine religiöse und historisch-ethnische Verbindung
beriefen (sei sie nun fiktiv oder nicht), wurden die
beiden geographischen Begriffe «Palästina» und «Eretz
Israel» zu politischen Termini, die im Widerspruch
zueinander stehen und konkurrierende Erzählungen
beinhalten. Heutzutage das zusammengeschrumpfte Gebiet des
Westjordanlandes und des Gazastreifens in einem Atemzug
mit dem Staat Israel als Staat namens « Palästina » zu
bezeichnen, hieße, der Phantasie Vorrang vor der Realität
der Besatzung einzuräumen.
Die Selbstmordattentate in Israel
verstärkten die Neigung, die Lage als symmetrisch
darzustellen, so als befänden sich die beiden
Bevölkerungen - die israelische wie die palästinensische -
in einer vergleichbaren Situation der wechselseitigen
militärischen Offensive. Doch so entsetzlich die
Selbstmordanschläge auch waren - sie beeinträchtigten das
alltägliche Leben in Israel und der Israelis nicht in
einer Weise, die sich mit den Auswirkungen der
routinemäßigen Offensiven der israelischen Armee auf die
unter der Besatzung lebende palästinensische Bevölkerung
vergleichen ließe. Zwar waren theoretisch alle Israelis
(einschließlich der palästinen sischen Israelis) «Ziel»
der Selbstmordattentate. Praktisch sieht es jedoch anders
aus. Die Palästinenser in den besetzten Gebieten dagegen
waren und sind - in der Praxis - allesamt Ziel der
israelischen Angriffe.
Ein weiterer irreführender Begriff ist
der der «zweiten Intifada», den ich, wie ich zugeben
muß, hier und dort - als Codewort und um der Kürze willen
- verwendet habe. 1987 brach in den besetzten
palästinensischen Gebieten ein - nicht bewaffneter -
Volksaufstand gegen die israelische Besatzung los.
Intifada bedeutet «Erwachen». Ihre Kraft lag in ihrer
Volkstümlichkeit, in ihrem Ausmaß, darin, daß sich die
Massen daran beteiligten, in ihrer klaren Forderung nach
einem unabhängigen Staat, in dem Optimismus, den sie bei
den Menschen hervorrief, die das Gefühl hatten, ihr
Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. Beim zweiten Mal,
im September 2000, war dergleichen nicht mehr möglich. Die
israelische Armee setzte sofort tödliche
Abschreckungsmittel ein, um die Demonstrationen
auseinanderzutreiben, auch dann, wenn ihre Soldaten keiner
Todesgefahr ausgesetzt waren. Der Zorn, den die vielen
Getöteten in der palästinensischen Öffentlichkeit
erregten, führte dazu, daß sich Bewaffnete dem
aussichtslosen Unterfangen anschlossen. Das aber diente
Israel, wie gesagt, als ausgezeichneter Vorwand, seine
Angriffe und die Mittel zur kollektiven Unterdrückung zu
verstärken, die vor allem die Bürger trafen. Die
symbolische Militarisierung auf palästinensischer Seite,
die vielleicht nicht auf Anweisung Arafats erfolgte, sich
aber seiner Zustimmung, später auch seiner Förderung
erfreute, verhinderte jede Möglichkeit, einen massenhaften
Volksaufstand herbeizuführen, der bessere
Erfolgsaussichten gehabt hätte, die Besatzungsmacht in
Verlegenheit zu bringen, begrenzte aber auch das
Potential, die interne Kritik an Arafat und den
palästinensischen Behörden öffentlich zu machen. Deshalb
ist das, was man als «zweite Intifada» bezeichnet, im
Grunde allenfalls die palästinensische
Unerschütterlichkeit gegenüber der brutalen israelischen
Unterdrückung der nichtexistenten Intifada.
Es gibt Situationen, die auszumalen meinen
Wortschatz und meine Fähigkeit zu schreiben - in jeder
Sprache - übersteigen. Das gilt vor allem für die
systematische Weise, in der Israel die Palästinenser
einsperrt - in Gefangenenlagern, in immer kleineren
Enklaven, die von Absperrungen umgeben sind, von
Straßensperren, von gewundenen Zäunen und Mauern, von
Straßen, die nur für Israelis, nur für Palästinenser oder
nur für die Armee vorgesehen sind, und von stetig
wachsenden Siedlungen. In dieser geographischen
Realität verhängt Israel eine «innere Abriegelung» - ein
System von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, das mit
den Jahren verschärft und verfeinert wurde und den
Lebensraum und die Gesellschaft der Palästinenser in
kleine, unterentwickelte, getrennte Einheiten
zerstückelte; selbst wenn man sie letztlich als «Staat»
bezeichnen sollte, wird dieser von vorneherein an der
Aufgabe scheitern, dem Volk zu dienen und ihm einen Weg zu
Wohlstand und Entwicklung zu weisen. Auch nahen Freunden
von mir - die keine Palästinenser sind - fällt es
schwer, meine Beschreibungen zu verstehen, solange sie
nicht mit eigenen Augen die geographischen Strukturen
gesehen haben, welche die Politik der Abriegelung und der
Massenverhaftungen angenommen haben, und solange sie nicht
Zeugen der Methoden geworden sind, mit denen den
Palästinensern Zeit und Lebensraum geraubt werden. Denn es
reicht nicht, ein Bild oder einen Film zu sehen oder sich
eine Methode zu vergegenwärtigen. Diese Diskrepanz
zwischen der Sprache und der Wirklichkeit der
systematischen Abriegelung, die Israel als Maßnahme
erfunden hat, die angeblich der Aufrechterhaltung seiner
Sicherheit dient, begleitet mich ständig - in Gesprächen
und beim Schreiben. Auch in diesem Buch.
Ramallah, im besetzten palästinensischen
Westjordanland, 15. Juli 2006